Kultur : Schuss, Gegenschuss

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Vermutlich sind Kriegsreporter auch deshalb ein so beliebtes Sujet für Filmemacher, weil in ihrem Handwerk die Tätigkeit des Bilderschießens auf den Begriff gebracht zu sein scheint. Von Milcho Manchevskis „Before the Rain“ bis zu Marcel Ophüls’ „The Troubles We’ve Seen" drängen sich die Parallelen besonders zu den dokumentarischen Formen auf – auch wenn sie nicht direkt ausgesprochen werden. Die Präsenz vor Ort, sei es im Kosovo oder in Ruanda, in Java oder auch daheim. Das Warten auf den richtigen Moment. Und das spannungsgeladene Verhältnis zum Objekt, propagierter Inhalt der schöpferischen Anstrengung und erlegte Beute des Bilderjägers zugleich.

So, wie es bei den Filmemachern gierige Action-Paparazzi gibt und geduldige Dokumentaristen, so gibt es auch bei den Fotografen sehr unterschiedliche Schulen. Der Fotograf James Nachtwey dürfte in keine so ganz hineinpassen. Nachtwey macht sensationelle Fotos, aus Kriegen und Krisengebieten. Doch ein Sensationsreporter ist er nicht. Nachtwey lässt sich nämlich Zeit, und auch emotional lässt er sich auf seine Protagonisten ein. Hinter dem Schnappschuss steht oft intensive Recherche, hinter einem flüchtigen Gesichtsausdruck langfristige Präsenz. Ein Profi aus Passion, ein heißes Herz mit kühler Professionalität gepaart. Ein Mensch, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, doch für die Sache keine Opfer scheut. Ein einsamer Mensch auch, denn für andere ist in so einem Leben kein Platz.

Die Sache: Das sind Armut und Elend, vor allem aber der Krieg und das, was aus ihm folgt. Doch auch Fotos aus US-Gefängnissen gehören zu Nachtweys Repertoire. Es sind auch Leid und Ungerechtigkeit, Bilder aus dem Vietnamkrieg, die den 1948 geborenen Amerikaner früh und konsequent die fotografische Berufung verfolgen lassen. Der Erfolg kommt bald, mit Preisen und Auszeichnungen. 1986 wird Nachtwey Mitglied von Magnum, Magazine und Ausstellungen bringen seine Bilder in alle Welt.

Immer wieder wird das Fotografieren des Elends mit dem Vorwurf des Voyeurismus konfrontiert. Nachtwey selbst postuliert Respekt und Mitgefühl als Gegenindikation. Der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei lässt den Voyeurismus-Vorwurf in seinem Nachtwey-Porträt „War Photographer" anschaulich ins Leere laufen, in dem er den Blick des Fotografen für uns verdoppelnd rekonstruiert. Der Film begleitet Nachtwey auf seinen Fotoreisen nach Djakarta und Palästina, in Straßenschlachten voller Tränengas und zu Menschen, die im Niemandsland der Bahngleise ihr Leben fristen. Mit einer Mikro-Kamera, die oben am Fotoapparat fixiert ist, sind wir dabei, wenn dem Fotografen in den Dämpfen einer indonesischen Schwefelmine fast die Luft ausgeht. Fast wie ein Fremdkörper wirkt er dann auf der eigenen Ausstellungseröffnung. Ein Small-Talker ist er nicht. Reden macht ihn müde.

Und wenn Nachtwey über seine Sorgen und seine Hoffnungen spricht, klingt das manchmal wie ein beschwörendes Gebet: Er will die Massenmedien ausgerechnet mit ihren eigenen Waffen schlagen. Er will Präsenz zeigen, stellvertretend für die Ohnmächtigen auf der Welt. Und mit dem eigenen Protest auch andere zum Protestieren bringen. Dass Nachtwey sich im Unterschied zu vielen anderen Kriegsberichterstattern bis heute nicht an die Routine oder den Zynismus verloren hat, liegt wohl auch daran, dass er trotz aller Irritationen an die Wirksamkeit seiner Arbeit glaubt. Uns abgeklärten Realisten mag das naiv und gutgläubig klingen. Für den Fotografen ist es Arbeits- und Lebens-Notwendigkeit. Jedes bewegte Herz ist da ein Grund, weiterzumachen. Jede aus der Gleichgültigkeit aufgerüttelte Seele ein Sieg. Silvia Hallensleben

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