Kultur : Schwabing leuchtet

Im Glanz des frühen 20. Jahrhunderts: Die Münchner Villa Stuck verwandelt sich in ein Jugendstil-Museum

Mirko Weber

Unwillkürlich steuert jeder in der Münchner Villa Stuck auf den Kuss zu, der den Titel der Zeitschrift „Jugend“ von 1897 ziert. Obwohl dies bereits das 14. Heft seit dem ersten Erscheinen der „Münchner illustrierten Wochenschrift“ ist, symbolisiert die Szene doch einen Neuanfang, nämlich den des Münchner Jugendstils. Ein Jahr später formuliert August Endell das Programm: Man strebe, schreibt er, „nach einer Kunst mit Formen, die nichts bedeuten, nichts darstellen und an nichts erinnern“ sollen.

Das klingt ein wenig kokett, und es vergehen ein paar Jahre, bis der gewaltige Aufbruch, der hier stattfindet, richtig begriffen wird. Im Jahre 1906 notiert der Kritiker Paul Johannes Rée über Richard Riemerschmid, einen der Münchner Protagonisten, der später die unlängst restaurierten Kammerspiele in der Maximilianstraße schmückt: „Aus Riemerschmids Arbeiten klingt es immer wieder hervor wie aus uralten Zeiten. Man vernimmt das Rauschen des Jungbrunnens, in den hier die Kunst getaucht ist. Ein Hauch des Ursprünglichen und Naiven liegt über dieser Kunst. Es ist keine bloße Äußerlichkeit und nichts Zufälliges, dass das Lieblingsmotiv in Riemerschmids Ornamentik der mit zarten Blättern, Blüten und Knospen besetzte Zweig ist. Darin kündigt sich der Kunstfrühling an.“

Genau ein solcher Kunstfrühling scheint nun noch einmal auszubrechen. Die Villa Stuck, ebenfalls gerade renoviert, zeigt in allen ihren Räumlichkeiten Münchner Jugendstilarbeiten. Fünf verschiedene Themen werden parallel beleuchtet: „München! Stadt des Jugendstils“ besteht aus einer größeren Textilsammlung mit wundervollen Stickereien, unter anderen von Hermann Obrist und Herthe von Wersin. „Jugend“ zeigt künstlerische Arbeiten für die Richtung weisende Zeitschrift gleichen Namens. Ferner wird der Raumkunst gehuldigt, und es werden einzelne Protagonisten der Münchner Szene vorgestellt. Komplettiert wird der lange Rundgang durch die ansonsten eher kühlen Räume der Villa, die nun mit Wärme gefüllt zu sein scheinen, durch eine Glasausstellung. Hier dominieren Arbeiten von Émile Galleé und Daum Frères.

Es ist der Glanz des frühen 20. Jahrhunderts, und es ist das Interieur, in dem man sich stets den Dichter Stefan George mit seinem Kreis vorstellen muss. Fleißigen Münchner Stadtmuseumsgängern indes mögen Teile der opulenten Sammlung bekannt vorkommen, was kein Zufall ist. Allerdings ist es in diesem Umfang zum ersten Mal zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Stadtmuseum am Jakobsplatz und der Villa in der Prinzregentenstraße gekommen – eine Kooperation auch kulturpolitisch zweifellos zur rechten Zeit.

Der Direktor des Stadtmuseums, Wolfgang Till, hat also seine Depots geöffnet, so dass sich in der Villa Stuck ein fast verschwenderischer Anblick bieten kann: Teppiche und Bilder, Kredenzen und Sekretäre, Wandbehänge en masse, dazu Bücherregale von einmaliger Schönheit stehen hier fast dicht aufeinander. Dabei hätte das Stadtmuseum sogar noch mehr im Keller.

Die Schau in der Villa Stuck ist ein Ereignis, denn die Gegenstände geben auf zauberische Weise dem Bürger – selbst solchen, die es nicht mehr sein wollen – ein Lebensgefühl zurück: Oh, wie schön war Schwabing einst! Manches von dieser Schönheit ist geblieben; man braucht bloß wieder einmal vorbeischauen. Riemerschmid beispielsweise stattete das Wohnhaus des Gründers der Münchner Rückversicherung, Carl von Thieme, aus. Dessen Villa steht in der Georgenstraße und beherbergt heute das Kunsthistorische Institut der Universität. München ist reich an solchen Fundstücken. Deswegen war es höchste Zeit, dass sich die Stadt ihres kulturellen Erbes vergewisserte, was zeitgleich gerade in Wien und Paris geschieht.

Offen bleibt die Frage, was folgt, was nach dieser vorübergehenden Einrichtung eines Jugendstilmuseums geschieht, wenn am 31. Mai wieder Platz gemacht werden muss für die ständige Sammlung des Hauses. Im März nächsten Jahres soll die Villa Stuck wieder in alter Frische glänzen – und vor allem der Hausherr Franz von Stuck zu seinem Recht kommen. Da wäre es schade, wenn sich hinter vielen Objekten, die andernorts wie halbe Heiligtümer gehandelt werden, einfach wieder die Türen schließen.

Villa Stuck, München, bis 31. 5. Kein Katalog

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