Kultur : Schwache Krieger des Rock

H.P. Daniels

Zuerst die Vorgruppe: Muse sind ein flotter Dreier, mit einem Gitarristen, der bei Jimi Hendrix gelernt, und seinen eigenen Stil entwickelt hat: Getragene Jazz-Skalen, Tango-Grunge, Sirtaki-Rock, gemischt mit schwerem Industrielärm aus der Maschinenhölle. Pfeifen, Fiepen, Feedback, die Gitarre überm Kopf, bis zum Anschlag, nur mit der linken Hand gespielt, schlangenhaftes Tänzeln, moderner Großstadtblues. Kreischen, bei dem man nicht weiß, ob es die Stimme des Sängers ist oder die der Gitarre. Dann wieder leise Töne, hübsche Melodien. Umbaupause. Grummeln aus den Boxen, Getose, nahendes Unwetter. Blitze. Blaues und weißes Licht fingert durchs qualvolle Gedränge in der Columbiahalle. Und endlich Bush auf der Bühne: Gitarrist mit Glatze links, Bassist mit Bass rechts, und ein Trommler, der agiert wie "Tier" aus der Sesamstraße. Und der Kritiker fühlt sich wie einer der Opas auf dem Balkon, die immer nur meckern, wenn die Kinder ihren Spaß haben: Gymnasiasten beim kollektiven Gruppenhopsen zu einer Musik, die sich auf Platte noch ganz ordentlich anhört, live jedoch kaum mehr zu bieten hat als den geölten wohlgeformten nackten Oberkörper des Sängers Gavin Rossdale und sein Bad in der wogenden Menge, auf Händen getragen, schwimmend auf einer Welle von Begeisterung. Musikalisch ist das alles etwas dünn, saft- und kraftlos, ohne Seele, ohne Ausdruck, Grunge aus dritter Hand. Gegen die Vorgruppe Muse wirkten die Bush-Männer wie müde Krieger. Und ein bisschen Mitleid bekommt man schon mit diesen Kids, dass sie Nirvana nicht mehr erleben durften. Ach, Kurt Cobain, wie hätten sie Dich noch gebraucht!

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