Kultur : „Schwäche kann die größte Kraft sein“

Corinna Harfouch spielt an der Schaubühne „Phädras Liebe“, ein Stück über die absolute Hingabe

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Wenn man sich die Liste der Filme ansieht, die Sie in den letzten Jahren gedreht haben, kann einem schwindelig werden: „Bibi Blocksberg“, „Der große Bagarozy“, der Sat.1Dreiteiler „Vera Brühne“, ein „Tatort“, „Evas Blond“ für Sat.1. Im Theater waren Sie leider sehr viel seltener zu sehen.

Meinen Sie das ehrlich?

Ja. Ich fand Sie in Castorfs Inszenierung „Des Teufels General“ beeindruckender als in allen Fernsehfilmen zusammen.

Ich möchte nicht, dass man das gegeneinander ausspielt, es sind einfach unterschiedliche Dinge. Das Theater will ich mir als wirklich kostbare Angelegenheit erhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die Theaterleidenschaft und die Kraft, die ich fürs Theaterspielen brauche, aufbringen kann, wenn ich permanent spielen würde. Ich bewundere die Kollegen, die das machen, und ich frage mich, wie sie das schaffen. Ich könnte das nicht. Wenn ich zum Theater gehe, dann ist das für mich eine ganz besondere Art von Anstrengung. Es kommt von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, mich besonders befragen oder anstrengen zu wollen.

Und dafür ist Theater ergiebiger als Fernsehfilme?

Theater ist insofern befriedigender, als man viel stärker das Gefühl hat, beteiligt zu sein. Ich bin mit einem unwahrscheinlichen Theaterglück in den Beruf gegangen. Ich hatte großartige Meister. Heiner Müller, Fritz Marquardt oder Frank Castorf haben mir das Gefühl gegeben, dass ich auf der Bühne richtig bin, dass sie mir alle Zeit geben und dass es ihnen wichtig ist, mir zuzuschauen. Jetzt, mit der Regisseurin Christina Paulhofer an der Schaubühne, passiert etwas Ähnliches: Was ich in meinem Leben erfahren habe und wie ich das mit meinen Möglichkeiten verbinde, etwas auszudrücken, das ist dann eben auch vorhanden in der Rolle, das wird nicht weginszeniert.

Nicht mit Regie, Form, Stilisierung geglättet?

Nein, dagegen hat sie sowieso etwas, gegen „Kunst“, und das ist mir sehr angenehm. Sie ist selbst ein chaotischer und kraftvoller, lebensgieriger Mensch, und das geht ein in ihre Arbeit.

Sie waren an allen wichtigen Berliner Theatern – aber immer nur kurz.

Wahrscheinlich bin ich aus einem Instinkt heraus immer rechtzeitig weggegangen. Man ist ja nicht unerschöpflich als Mensch und in dem, was man auszudrücken vermag. Und bevor ich restlos erkannt werden kann, gehe ich halt weiter. Das ist irgendwo auch ein Trick. Immer mit den selben Leuten zu arbeiten wäre nichts für mich. Für sich selbst wird man ja über die Jahre sowieso durchschaubarer. Das ist traurig genug.

Das hat doch auch etwas Beruhigendes.

Ich finde das nicht beruhigend. Mich macht das traurig.

An der Schaubühne spielen Sie jetzt Phädra, eine Frau, die sich in ihren Schwiegersohn verliebt, mit ihm Sex hat und sich umbringt, weil er ziemlich zynisch auf ihren Gefühlen herumtrampelt. Was passiert mit dieser Frau?

Phädra ist an einem Punkt, an dem sie nicht mehr leben will. In ihrem Liebeswahnsinn ist sie an eine Grenze gekommen, wo die Schwäche manchmal aussieht wie eine Kraft: Sie lodert sehr hell, sie bewegt sich in ihrem Extremzustand außerhalb von allen Normen. In der antiken Tragödie von Euripides, der Vorlage für Sarah Kanes Stück, fängt sie an zu hungern, weil sie in dem Dilemma steckt, dass sie nicht mehr leben kann, sich aber auch nicht umbringen darf, weil das die Ehre ihrer Söhne so verletzt, dass sie keine Zukunft hätten.

Sarah Kanes „Phädra“-Variante zeigt ein depressives Wohlstands-Ennui, in dem Sex wie Fernsehen oder Kartoffelchips konsumiert wird. So einer Polemik wirkt etwas billig. Ist das das Thema Ihrer Aufführung?

Nein. Was Christina Paulhofer zu beschreiben versucht, oder was wir zu finden versuchen, sind die verschiedenen Spielarten von Liebe, die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten zueinander zu kommen. Wie sich Hippolytos, Phädras Stiefsohn, aus Gründen eigener Verletzung entschlossen hat, sich einfach nicht mehr verletzen zu lassen und sich eine Sprache vor seine Verletzung baut. Da ist nicht jemand durch Dekadenz oder Konsum verblödet und cool und abgefuckt und lässig, sondern er ist einfach verletzt und baut etwas vor seine Verletzung. Und die Tragik entsteht in dem Moment, in dem jemand tatsächlich sein Herz meinen könnte. Er kann Phädra nicht rein lassen, weil er es nicht mehr glauben kann.

Wobei das Einzige, was zwischen Phädra und Hippolytos passiert, kaputter Sex ist. Man weiß nie, ob es um Sex oder um Gefühle geht.

Sex als Mittel zur Vermeidung von Gefühlen ist ja eine bewährte Möglichkeit. Und genauso kann Sex bedeuten, dass ich ganz tief in dich eindringe und eine Wunde in dir aufreiße, so dass sich unsere beiden aufgerissenen Wunden berühren und einander heilen. Es ist das Problem, dass man in ein und derselben Sprache miteinander spricht und dabei die Wörter etwas völlig Unterschiedliches bedeuten können, weil die Sprache gefüllt ist mit verschiedenen Erlebnissen, Vermeidungen, Gefühlszuständen. Ich glaube fest daran, dass diese Frau ihn liebt, wenn man sich darüber klar ist, was das bedeutet. Sie sagt: „Du versetzt mich in Erregung“. Das heißt, du inspirierst mich, du machst mich lebendig, es passiert etwas mit mir. Und das ist, was man so gemeinhin Liebe nennt .

Ist das Schreckliche an Sarah Kanes Stück nicht, dass man ahnt, wie sich Phädra und Hippolytos hinter den kaputten Sexspielen nach einem Moment der Berührung sehnen und ihn gleich wieder verlieren?

Sie haben diesen Moment eben nicht. Sie versauen und verpatzen ihn. Sie kreisen drum rum und kommen nicht ran, sie verfehlen sich dauernd, darin liegt die Tragödie.

Dabei ist Phädra die Ungeschütztere mit der größeren, klareren Liebe, die genau daran zugrunde geht, während Hippolytos hinter der zynischen Fassade in Sicherheit bleibt. Das ist ein fast klischeehaftes Frauenbild: Die Frau, die sich für ihre Liebe opfert.

Ich glaube, es könnte genauso umgekehrt sein. Das habe ich durchaus schon erlebt, dass ein Mann mal ungeschützt ist.

Erschrecken Sie nicht manchmal vor der monströsen Verzweiflung in Sarah Kanes Stück?

Es gibt schon Dinge, die mir fremd sind an den Texten von Sarah Kane, auch jetzt noch. Ich persönlich kann mit diesem absoluten Wahrheitsbegriff nichts anfangen. Das hat für mich nichts mit dem Leben zu tun. Es gibt mehr als eine Wahrheit in meinem Leben. Ein gutes Spiel ist absolut ehrlich, aber es lebt von Wahrheiten, die nur im Augenblick des Spiels gelten. Das wird stärker, desto älter ich werde. Ich liebe dieses Älterwerden genau aus diesem Grund, das Leben wird lustiger. Man lernt, zu spielen, die Dinge treffen einen nicht mehr mit dieser fürchterlichen, tödlichen Wucht.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach.

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