Kultur : Schwärmer in der Nacht

Sassan Niasseri

Er hört es zwar nicht gern, aber das Klischee passt trotzdem: Nikolai Tomás sieht aus wie ein verwegener ungarischer Prinz. Der spitze Kinnbart, die urwüchsig in das Gesicht fallende Haarsträhne. Nur das halb aufgeknöpfte Rüschenhemd, das sich früher über seine Brust wölbte, fehlt - "da werde ich mich auch nicht mehr reinzwängen", sagt Tomás. Und ihm entfährt ein knurrendes Lachen, das drängender wird und laut, als könnte er damit Wölfe über Klippen scheuchen. Da ist es wieder, das Bild vom verwegenen Abenteurer.

Es ist zehn Jahre her, als Tomás seine Rüschenhemden trug und den ungarischen Prinzen erfand. Poems for Laila - heute erscheint ein solcher Bandname rührend romantisch - war Resultat einer Mission, als Männer noch nach Berlin kamen, um in der Nacht Liebesgedichte an eine ewige Geliebte zu schreiben. 1988, Tomás war 26, hatten Poems for Laila ihre ersten Auftritte in der Stadt. Sie machten einen sonderbaren Eindruck: osteuropäische Tanzmusik, französische Chansons und Folkpop; dazu eine Stimme, die sich weit und unvorhersehbar schnell in unterschiedliche Richtungen dehnte; als würde sie lachen, fideln und flehen, alles im selben Moment. Folkloristische Balladen - das war nicht gerade der Sound, den Westberlin zu dieser Zeit erwartet hätte. Damals sagte Tomás der "Frankfurter Rundschau", er habe mit der Bandgründung eine Vision verbunden: Ein europäisches Klangbild zu schaffen, das gültig ist von Portugal bis zum Ural.

"Heute klingt das alles sehr schön." Tomás lacht. Er kann sich nicht mehr an diese Worte erinnern, sagt er. "Euro-Ethno nannten wir das. Aber das mache ich jetzt nicht mehr". Für den Sohn eines ungarischen Jazzmusikers bot sich mit dem Mauerfall die Gelegenheit, seine musikalischen Kenntnisse auszuspielen. "Die Berliner waren wieder heiß darauf, Musik kennen zu lernen, die ihnen geographisch ohnehin sehr nahe war." Nach der Wende folgten erste Tourneen in Polen und der UdSSR. Sie stiegen sogar in die Charts ein. So gelangten Poems for Laila das kleine Kunststück, zwar nicht modern, aber trotzdem populär zu sein.

Für die folgenden zwei Alben wurden der Band der "The Cure"-Produzent Dave M. Allen und später Phil Manzanera von Roxy Music zur Seite gestellt. Sie tourten durch Westeuropa. "Es war toll: Überall, wo wir auftraten, waren die Leute verblüfft", erzählt Tomás. Die Konzertbesucher seien überrascht gewesen: wie spielerisch leicht eine deutsche Band mit fremden folkloristischen Elementen umgehen konnte.

Doch 1995 trennte sich die Band. Tomás wandte sich immer stärker zeitgemäßer Popmusik zu: TripHop und Electro-Jazz. "Die anderen hatten damals nicht mehr dieselbe Vision wie ich. Was jetzt kam, wollte ich alleine machen". Als er sein Solo-Album "Wild On" veröffentlichte, wurde es fast überall verrissen. Der Versuch, etwas Neues zu probieren, so sagte Tomás damals, war das Album wert. Danach begann er, Filmmusiken für das Fernsehen zu komponieren. Es wurde ruhiger um ihn.

Und so wäre es vermutlich auch geblieben, wenn seine Plattenfirma ihn nicht vor einem Jahr gebeten hätte, ein "Best of"-Album seiner einstigen Band zusammenzustellen. Tomás fand Gefallen an der Idee. Und eine neue Vision baute sich vor seinem inneren Auge auf: Er schrieb wieder Songs, die wie früher klangen. Er engagierte neue Musiker. Seine Fans seien noch da, glaubt er. Auch das Gefühl sei wieder da.

Dennoch: "Ich glaube, Nikolai hat es einfach satt, die Rolle des Prinzen zu spielen." Judith Hermann, die Schriftstellerin, lächelt. "Dieses Ethno-Image, der schöne Kitsch - irgendwann war es wohl genug". Hermann kennt Tomás gut. Sie ist seit zehn Jahren mit ihm verheiratet. Seit einer Blitzhochzeit in Las Vegas: Sie war 22, die Verwandten sollten nichts erfahren. 1997, kurz bevor sie mit dem Schreiben von "Sommerhaus, später" begann, haben sie sich getrennt. "Scheiden lassen wollen wir uns aber nicht", so Hermann. Diese Intensität sei mit niemand anderem wiederholbar.

In gewisser Weise ist Tomás einer der Gründe, weshalb sie überhaupt zu schreiben begann. Als sie die Band auf ihren Tourneen begleitete, habe sie sich oft überflüssig gefühlt: "Ich stand in seinem Schatten". Sie lacht wieder, überlegt dann lange Zeit. "Das Schreiben war der Gegenpol, den ich seinem Musikerdasein entgegensetzen konnte." Unter diesem Eindruck aber seien die Erzählungen in "Sommerhaus, später" nicht entstanden: "In den Geschichten geht es um Brüche und Fehler. Die Zeit mit Nikolai war eine heile Zeit."

Wenn Tomás mit den neu besetzten Poems for Laila sein Berliner Homecoming-Konzert gibt, wird Judith Hermann ebenfalls auf der Bühne stehen. Auf "Last Cigarette", dem gemeinsam komponierten, traurigen Schlusssong des neuen Albums "On a Wednesday" (Vielklang), singt sie ein Duett mit dem einstigen Lebensgefährten. "Als wir noch ein Paar waren, hatte ich mir das immer gewünscht: zusammen mit ihm auf einer Bühne", sagt Hermann. Sie werde Lampenfieber haben, fürchterliche Angst, aber sie will sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen. Sie ist gespannt darauf, wie Tomás sie ankündigen wird: "Manchmal sagt er auf der Bühne so komische Sachen".

"Last Cigarette" ist als Popsong arrangiert, so wie fast alle neuen Stücke. Mit Ausnahme von "Linda Loves Me", eine bäuerliche Tanzstubenpolka, gibt es auf "On a Wednesday" kaum etwas, das auf den Folklorecharakter früherer Tage hinweist. "I Was Walking", das auch als Single erscheint, ist ein swingender Britpopsong. "Ich plane vorher nie, welche musikalischen Stile ein Album umfassen soll", sagt Tomás. Nur das Hauptmotiv ist über die Jahre gleich geblieben: die Liebe. In seinen Songs geht es um "Jane", um das Mädchen im "T-Shirt-Song", um "Jackie". Laila aber, das Mädchen, für das Tomás sich damals aufgemacht und eine Band gegründet hatte, bleibt ein Rätsel. "Es gibt da keine bestimmte Person mehr", lacht er. Auf Arabisch heißt Laila "Die Nacht", die dunklen Stunden, in denen er seine ersten Lieder geschrieben hat. Das Bandlogo ziert ein Halbmond. "Ich trage Laila immer bei mir".

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