Kultur : Schwärzer als die dunkelste Nacht

Der Wahrheitssucher: Die Galerie Berinson zeigt Vintage Prints des großen Fotografen Paul Strand

Ulrich Clewing

Ein Bild wie ein Relief: Angeblich hat Paul Strand hier das kleine Café de la Paix in Audierne in der Normandie fotografiert. Das sagt zumindest der Titel, und wenn man genau hinschaut, sieht man es auch. Aber auf den ersten Blick wirkt dieses Foto aus dem Jahr 1952, als wäre es dem Künstler darum gegangen, ein großes Drama zu inszenieren, in dem der bröckelnde Putz der Hausmauern, die hölzerne Fassade des Wintergartens und der kunstvoll geschmiedete Balkon im ersten Stock miteinander um die Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrieren. Die Verteilung von Hell und Dunkel auf der Bildfläche, die unterschiedliche Beschaffenheit der Oberflächen, das Matte neben dem Glänzenden: Das sind jene Details, die Strands Foto fast dreidimensional erscheinen lassen – so als würde man, wenn man mit dem Finger darüber streicht, Vertiefungen und Erhebungen spüren können.

Das ist natürlich vollkommen ausgeschlossen, denn diese Arbeit ist sicher verwahrt hinter Museumsglas. Und auch an die übrigen vierzehn Vintage-Prints, die die Galerie Berinson derzeit präsentiert, ist selbstverständlich kein Herankommen, obwohl die Versuchung groß ist. Paul Strand war ein Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie, weil es ihm gelang, deren spezifische Eigenheiten besonders plastisch einzusetzen. Ein Schwarz ist bei ihm schwärzer als die dunkelste Nacht, das Weiß dagegen sticht hervor, als wollten die Gegenstände aus dem Bild heraustreten. Und auch die Graustufen zwischen diesen beiden Polaritäten stehen im Dienst der Textur: Sie zeigen an, wie sich ein Material anfühlt, woraus eine Landschaft besteht, ob der Wind das Wasser kräuselt, wie auf dem fantastischen Foto eines Segelbootes auf dem Nil, das Strand 1959 von einem der umliegenden Hügel herab gemacht hat.

Es sind Bilder wie dieses, mit denen Strand seinen Ruf als einer der einflussreichsten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts festigte. 1890 als Paul Stransky in New York geboren, erhält er früh seine erste Prägung durch den sozialkritischen Fotografen Lewis W. Hine. Bereits als jungem Mann glücken ihm Fotos, die in den USA zu Ikonen der Moderne werden, wie „Wall Street“, „White Fence“ oder „Blind Woman“. Später dreht er eine Zeit lang Filme und unternimmt ausgedehnte Reisen durch Nordamerika und Mexiko. 1951 verlässt Strand die Vereinigten Staaten, nachdem das Klima der Restriktion und Denunziation in der McCarthy-Ära immer schärfer wird, und zieht nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod 1976 in der Nähe von Paris lebt.

Einer der Pioniere der modernen Fotografie, Alfred Stieglitz, schrieb schon 1916 über den damals erst 26-Jährigen: „Strand hat etwas Neues dem Alten hinzugefügt. Seine Aufnahmen sind brutal, direkt, frei von jeglichem Humbug, frei von Kunstgriffen und unbeeinflusst von jeglichem Ismus.“ Aus heutiger Perspektive stimmt das nicht mehr ganz uneingeschränkt. Der „Wahrheitssucher Strand“ bildete das ab, was er sah. Doch er tat es wie die meisten großen Künstler auf polemische Art: Er überhöhte das eine und ließ dafür anderes, das ihm nicht so wichtig erschien, in den Hintergrund treten. Mal arrangierte er seine Bilder, mal begnügte er sich damit, beim Belichten des Abzugs in der Dunkelkammer eine Stimmung zu verstärken und Atmosphären heraufzubeschwören, die wohl bereits vorhanden waren, jedoch nicht in der Intensität. Wenn Strand zum Beispiel ein Bergdorf auf Sizilien fotografiert, dann lenkt er die Wahrnehmung durchaus: Ganz unnaturalistisch dunkel zeichnet sich die Silhouette vor dem Horizont ab, während sich darüber wild romantisch ein Wolkenspektakel abspielt, dass einem Schauer über den Rücken jagt (Preise auf Anfrage).

Bei einer anderen Gelegenheit porträtierte er die Männer der Lusetti-Familie in Luzzara. Da stehen drei Generationen beisammen, wie sie ein Luchino Visconti oder Sam Fuller nicht besser zu arrangieren vermocht hätte. Doch einmal hat Strand die Deckung des Dokumentaristen aufgegeben. In der Ausstellung bei Berinson, die sich laut Galerieauskunft aus einem Konvolut speist, welches Strand einst für einen deutschen Freund zusammengestellt hatte, gibt es ein Foto, für das der Künstler zum Kulissenbauer wurde. An einem großen Hakenkreuz hängt ein von Strand selbst angebrachtes menschliches Skelett: „Skeleton Swastika“ entstand 1938, doch wer wollte behaupten, dass nicht auch dieses Bild das Werk eines Wahrheitssuchers war.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 29. Juli, Dienstag bis Sonnabend 12 – 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar