Kultur : Schwärzeste Nacht, heller Tag

Drei Jahre nach dem verheerenden Brand: Die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ist restauriert

Michael Zajonz

Wenn Bibliotheken brennen, erleben wir das als Angriff auf unsere Zivilisation – unabhängig davon, ob das Feuer durch Kriegshandlungen ausgelöst wurde wie 1994 bei der Zerstörung der Nationalbibliothek von Sarajevo oder durch ein defektes Elektrokabel wie am 2. September 2004 beim Brand der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek in Weimar. Es ist eine ganz besondere Form der Katastrophe, eine zugleich symbolische und materielle Auslöschung von Wissen und Erinnerung. Gerade weil die Vernichtung von bedrucktem Papier so sinnlos erscheint, verunsichert sie uns nachhaltig.

Michael Knoche, seit 1994 Direktor der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, merkt man diese Erschütterung noch immer an. Oft ist die Geschichte erzählt und geschrieben worden, wie er in jener schicksalhaften Nacht vom 2. auf den 3. September noch einmal in das brennende Gebäude gestürmt ist, um aus einem Regal ganz weit oben eine wertvolle frühe Luther-Bibel zu retten. Nun erklärt Knoche mit bewegter Stimme: „Für mich ist der heutige Tag wie das Aufwachen nach einem furchtbaren Albtraum: ein heller Tag nach schwärzester Nacht.“

Drei Jahre nach dem Brand, der den Dachstuhl und das Büchermagazin über dem 1766 eingeweihten Rokoko-Lesesaal der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek und mit ihnen mindestens 50 000 historische Bücher und Handschriften vernichtet hat, ist das Wunder vollbracht: In der nächsten Woche, am 24. Oktober, dem 268. Geburtstag der Herzogin Anna Amalia, wird der berühmte Altbau der Bibliothek nach dreijähriger Restaurierung durch Bundespräsident Horst Köhler wiedereröffnet. Ein Weimarer Gedenk- und Jubeljahr: 2007 jährt sich zugleich das Todesjahr der Bibliotheksgründerin Anna Amalia zum 200. Mal.

Weimar hat ein großartiges historisches Raumkunstwerk zurückbekommen – und die seit Februar 2005 um ein neues Studienzentrum mit hochmodernem Tiefmagazin erweiterte Forschungsbibliothek ihren fragilen Gründungs- und Kernbau. Als die Berichte über die schwer beschädigte Bibliothek vor drei Jahren um die Welt gingen und eine beispiellose Welle der Spenden- und Hilfsbereitschaft auslösten, hätte niemand daran geglaubt. 12,8 Millionen Euro hat die Restaurierung gekostet, 8,4 Millionen waren vor dem Unglück veranschlagt gewesen.

Wer nun auf dem kopfsteingepflasterten Platz der Republik in Weimar steht, das neue, hinter historischen Fassaden versteckte Studienzentrum der Bibliothek im Rücken, schaut auf ein äußerlich bis auf den erneuerten Farbanstrich weitgehend unverändertes Bibliothekshaus. Und wer zu den 200 Glücklichen gehört, die ab Dezember täglich zur touristischen Besichtigung ins Allerheiligste der Weimarer Klassik eingelassen werden (mehr Besucher verträgt das empfindliche Ambiente aus konservatorischen Gründen nicht), bestaunt einen zwar farbfrischen, sonst jedoch merkwürdig vertrauten Bibliothekssaal. Vertraut von den weltweit ausgestrahlten Bildern, selbst für den, der hier nie gewesen ist.

Erst wer das großformatige Foto gründlich anschaut, das die Fotokünstlerin Candida Höfer nur wenige Wochen vor dem Brand im Rokokosaal aufgenommen hat (und das nun mit anderen Höfer-Fotos in der Ausstellung „Weimarer Räume“ im nahen Neuen Museum gezeigt wird), dem fallen Unterschiede auf, subtile und offensichtliche. Zu erwarten war ein aufgeräumterer, frischerer Gesamteindruck des restaurierten Hauptraumes, der sich nicht nur aus den luftiger bestückten Bücherregalen ergibt. 62 000 Bände konnten in der Brandnacht von Feuer, Rauch oder Löschwasser beschädigt geborgen werden. Sie werden teilweise noch bis 2015 auf ihre endgültige Restaurierung warten müssen. Schätzungsweise 20 000 davon dürften nicht mehr zu retten sein.

Es sind vor allem die neuen, in hellstem Hellblau gestrichenen oder frisch mit Schlagmetall vergoldeten Oberflächen der alten, durch den Brand völlig verdreckten Saalvertäfelung, die ins Auge springen. Jahrzehnte bis Jahrhunderte wird es dauern, bis dem restaurierten Saal wieder die Aura einer alle Schärfen und Kontraste in milderes Licht tauchenden Patina zugewachsen ist. Abweichungen vom alten Bild, wie es Höfers Foto überliefert, haben sich ebenso aus dem Restaurierungskonzept ergeben, das der Berliner Architekt Walther Grunwald zusammen mit seinem wenige Monate nach dem Brand gestorbenen Büropartner Olaf Burmeister entwickelt hat.

Grunwald und Burmeister entschieden sich, das Gebäude im Zustand von 1849 zu restaurieren. Das hatte Konsequenzen – etwa für die neue Farbgebung der Fassaden in einem pastellig verwaschenen Ockerton. Vertraut dagegen ist die Ausstattung des Saals, in dessen rokokobeschwingten Umgängen und Galerien heute wieder wie vor dem Brand zahlreiche Büsten und Gemälde berühmter Geistesgrößen – allen voran Goethe und Dante – neben den fürstlichen Verwandten und Nachkommen der Herzogin stehen.

Anna Amalia hat diese Weimarer Walhalla begründet, ihr Sohn Carl August und dessen Kinder pietätvoll daran weitergebaut. Mitte des 19. Jahrhunderts war aus dem Rokokosaal jene Gedenkstätte des Geistes von Weimar geworden, wie er nun wieder erlebt werden darf – bis hin zum grün gepolsterten Sofa unter dem lebensgroßen Porträt von Herzog Carl August als biedermeierlich-gutmütigem Hausvater. Zum 100. Geburtstag Goethes, der hier drei Jahrzehnte Bibliotheksdirektor gewesen war, baute Hofarchitekt Clemens Wenzeslaus Coudray zum letzten Mal an: ein neues steinernes Treppenhaus, das auch künftig die Besucher nutzen werden. Daneben setzten die Architekten einen Fahrstuhl, sicher der gröbste Eingriff ins historische Gemäuer.

Das Bauensemble, das ab 1766 die Bibliothek der Anna Amalia aufnahm, ist in vier Jahrhunderten gewachsen. Sein ältester Teil ist ein Befestigungsturm aus dem 15. Jahrhundert, der eigentliche Bibliothekssaal erstreckt sich über zwei Geschosse im 1565 errichteten Grünen Schloss. In dessen Untergeschoss erhielt sich ein von Kreuzgratgewölben überspannter Renaissancesaal, in dem bis zur Renovierung Leseplätze und Kataloge untergebracht waren. Nun steht er für Sonderausstellungen zur Verfügung. Einen neuen Sonderlesesaal für die Nutzer historischer Bücher, Globen und Handschriften hat Grunwald direkt unterm neuen Dachstuhl eingerichtet – dort, wo man nach dem Brand unter freiem Himmel stand. Mitten im Raum steht nun ein gläserner Würfel, in dem man auf Reste des historischen, flammengeschwärzten Dielenfußbodens und die angekohlte Rückseite der Balustrade blickt, die das Deckenauge des Rokokosaals abgrenzt.

Diese Deckenöffnung verbindet nicht nur zwei Räume, sondern nun, nach der Restaurierung, auch die Zeit vor dem Brand mit der danach. In den unteren Geschossen wurde nach allen Regeln der Kunst die wie durch ein Wunder erhaltene historische Substanz restauriert, um die zerstörerische Kraft von Flammen, Rauch und 380 000 Litern Löschwasser unsichtbar zu machen. Das ist großartig gelungen. Oben im neuen Lesesaal unter dem Dach musste rekonstruiert werden. Das verbrannte Deckengemälde „Genius des Ruhms“ von Johann Heinrich Meyer hat nun der badische Kirchenmaler Hermenegild Peiker nachempfunden. Ironie im Unglück: Auch Meyers Bild war schon eine Kopie – nach dem Original von Annibale Carracci in der Dresdner Gemäldegalerie. Den kleinen Raffael-Engel aus der Sixtina hat Meyer damals dazuerfunden. Nun lächelt er wieder.

Buchempfehlung: Walther Grunwald, Michael Knoche und Hellmut Seemann (Hg.), Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Nach dem Brand in neuem Glanz. Otto Meissners Verlag 2007, 184 S., 39,90 €.

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