Kultur : SchwalbennestDer Klassiksommer in Mecklenburg-Vorpommern

Karin Erichsen

Keine Panik wenn die Straße plötzlich zum kopfsteingepflasterten Weg wird und hinter dem nächsten Hügel verschwindet: Das ist die richtige Fährte. Nur noch wenige hundert Meter, und zwischen Seen, Wäldern und rauschenden Kornfeldern taucht das Renaissanceschloss Ulrichshusen auf. Mit seinem Rittersaal und der mächtigen Feldsteinscheune ist es das Herz der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. In dieser abgeschiedenen Idylle inmitten der Mecklenburgischen Schweiz sind zwischen Juni und September die Größen der Klassikwelt zu Gast: Justus Frantz mit der Philharmonie der Nationen, der Pianist Martin Stadtfeld oder Armin MuellerStahl und die Geigerin Viviane Hagner in der Konzertreihe „Musik und Literatur“. Gidon Kremer kommt mit der Kremerata Baltica und Yakov Kreizberg mit dem Netherlands Philharmonic Orchestra.

Die entspannte Atmosphäre – Festspielmitarbeiter verkaufen neben Tickets auch mal selbst gemachte Marmelade – überträgt sich auch auf die Konzerte: Wegen der Hitze in der Festspielscheune spielen die Musiker nicht selten mit aufgekrempelten Hemdsärmeln.

In der Reihe „Junge Elite“ präsentiert sich der Nachwuchs an über fünfzig Spielorten, meist in Gutshäusern, Kirchen oder Scheunen. Die besten von ihnen erhalten den Solisten- oder Publikumspreis (je 5000 Euro) oder den mit 10 000 Euro dotierten Ensemblepreis. Und weil die Preisträger in den Folgejahren erneut eingeladen werden, kann das Publikum die Entwicklung „seiner“ Entdeckungen mitverfolgen: So kehrt die gefeierte Geigerin Julia Fischer in diesem Sommer als „Preisträgerin in residence“ zurück. Und das dreitägige Kammermusikfest der Gewinner in Ulrichshusen und auf Schloss Hasenwinkel bei Schwerin ist inzwischen stets Monate im Voraus ausverkauft.

In der Konzertreihe „Musik aus MV“ werden vergessene Kompositionen der „Ludwigsluster Klassik“ am Ort ihrer Entstehung nach oft über 200 Jahren neu aufgeführt: Werke von Antonio Rosetti oder Johann Wilhelm Hertel, die am glanzvollen mecklenburgischen Fürstenhof wirkten. Außerdem treten Musiker aus der Region gemeinsam mit international bekannten Künstlern auf: In Greifswald (25.8.) und Rostock (26.8.) singt etwa der Rostocker Motettenchor zusammen mit dem britischen Hilliard Ensemble. Bis zum Abschlusskonzert am 9. September in Wismar mit Lothar Zagrosek und dem Berliner Konzerthausorchester stehen noch fast fünfzig Konzerte auf dem Programm, darunter zwei „Pferde-PicknickSinfoniekonzerte“ auf dem Landgestüt Redefin. In der weitläufigen Parkanlage des großherzöglichen Gestüts werden in den klassizistischen Stallungen edle Hengste präsentiert, in der Reithalle musiziert unter anderem die Academy of St. Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner. Und die Schwalben stimmen mit ein – aus der sicheren Distanz ihrer Nester unter der Hallendecke. Karin Erichsen

Informationen: www.festspiele-mv.de,

Telefon: 0385–591 85 85.

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