Kultur : Schwan mit Zahnweh

Das Märchen vom Künstlerleben: zum 200. Geburtstag des dänischen Dichters Hans Christian Andersen

Christina Tilmann

Er war ein Neurotiker vor dem Herrn: Führte auf Reisen stets einen Strick mit sich, um sich im Brandfall nachts abseilen zu können. Legte sich jeden Abend einen Zettel auf die Brust „Ich bin nur scheintot“ aus Angst, im Fall einer Ohnmacht lebendig begraben zu werden. Und er war ein früher Weltenbummler: Er reiste nach Marokko und in die südliche Türkei zu Zeiten, als das eine Abenteuerreise war, stieg auf den Vesuv und erlebte fast einen Ausbruch dort, und schwärmte voller Begeisterung von Dampfschiffen, Daguerrotypien und Eisenbahnen, von der neuesten Technik der Zeit. Ein Romantiker, ein Hysteriker: 19. Jahrhundert vom Feinsten.

Andererseits: Er wollte reich werden. Er wollte berühmt werden. Er wollte geliebt werden. Hat den Kontakt zu Fürsten und Dichtern, Mäzenen und schönen Frauen gesucht und gefunden, hat mit Chamisso und den Gebrüdern Grimm, Heine und Hardenberg, Balzac und Dickens korrespondiert. Er ist als Maskottchen an den Fürstenhöfen herumgereicht worden, um seine Märchen vorzulesen. Er hat die Kinder seiner Gönner mit selbst verfertigten Scherenschnitten beschenkt. Und ist, armes Kind aus Odense, das er war, mit 70 Jahren reich gestorben, und hat sein Geld dem Sohn seines Mäzens vermacht, dem zeitlebens geliebten und vergeblich umworbenen Bankier Edvard Collin.

Da hat jemand sein Leben immer wieder neu erfunden, hat jedes Lebensjahrzehnt eine neue Autobiographie geschrieben, immer gefeilt und retouchiert. Und hat in jedem Werk, jedem Drama, jedem Märchen, jedem Roman, immer nur die eine Geschichte erzählt, die Aschenbrödel-Story. Dass da einer, mit den ungünstigsten Startbedingungen, am Ende alles gewonnen hat, Ruhm, Geld, nur keine Liebe. Ein Ehrgeizling, ein eitler Selbstdarsteller, eine entsetzliche Nervensäge auch – und ein Einsamer, ein kaltes Herz: Wer zurückblieb, wurde vergessen. Die Mutter, die alkoholabhängig im Armenhaus starb, die Stiefschwester, die ihn vergeblich um Geld anging, als er reich und berühmt war: Andersen hat Albträume gehabt ihretwegen, sich von ihnen abgewandt, sie sogar verleugnet. Es gab keinen Blick zurück auf dem Weg nach oben. Und Mitleid auch nicht.

Hans Christian Andersen, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, Ausstellungen, Neuveröffentlichungen gefeiert wird, ist selbst sein bestes Kunstwerk. Viele seiner Schöpfungen haben im kollektiven Gedächtnis überlebt: das hässliche Entlein, das eigentlich ein Schwan ist. Die kleine Meerjungfrau, die hoffnungslos in einen Prinz verliebt ist. Die Schneekönigin, die mit ihrem Kuss den kleinen Kai fast tötet. Die Nachtigall, deren Gesang Kranke heilen kann. Und der tapfere Zinnsoldat, der vor Liebe zerschmilzt und als kleines, heißes Herz in der Asche liegt. Unübersehbar für jeden, der sie als Erwachsener noch einmal liest, dass Andersen in seinen Märchen, in seinem eigenen, ironischen Ton immer auch von sich spricht. Und von dem, was ihn als unerfüllte Sehnsucht umtrieb: Sexualität. Oder Homosexualität?

Die private Tragödie, dass da jemand Männer liebt und es sich nicht eingesteht, in Zeiten, in denen noch nicht einmal der Begriff „Homosexualität“ existierte, ist nicht einzigartig. Auch nicht, dass Andersen – Robert Lepage, der kanadische Theatermagier, der im Mai in Kopenhagen ein spätes Märchen auf die Bühne bringt, erzählt es mit Begeisterung – stattdessen onaniert, die Tage mit roten Kreuzchen im Kalender markiert und im Tagebuch regelmäßig und besorgt über den wunden Penis berichtet. Ebenso wenig verwunderlich, dass Andersen durchaus und erfolglos für Frauen schwärmt, für die französische Schauspielerin Rachel, für die Sängerin Jenny Lind, der er bis nach Berlin nachreist, vergeblich. Sören Kierkegaard, der 1838 mit seinem Essay „Aus eines noch Lebenden Papieren“ gegen Andersen zu Felde zieht, ist nicht zuletzt von dieser Unentschiedenheit provoziert, wenn er den Dichter als Blume beschreibt, „bei der das Männliche und das Weibliche auf einem Stengel beieinandersitzen“.

Das Thema Homosexualität ist übermächtig in der heutigen Andersen-Rezeption: Jens Andersen – Andersen ist ein häufiger Name in Dänemark, der Autor ist nicht mit dem Dichter verwandt –, dessen kluge, vielseitige, preisgekrönte Biografie zum Jubiläum auch auf Deutsch erschienen ist, widmet sich dem Thema ausführlich, wenn auch sehr taktvoll zurückhaltend, ordnet es in die Art schwärmerischer Männerfreundschaft ein, wie sie zur Zeit der Romantik in ganz Europa gepflegt wurde, mit Tränen, Händchenhalten und lebhaften Briefen. Die britische Autorin Jackie Wullschlager, die vor einigen Jahren eine gefeierte – leider noch nicht ins Deutsche übersetzte – Biografie vorlegte, geht schon deutlicher zur Sache, spekuliert darüber, ob Andersen nicht doch einmal Sex hatte. Und Stig Dalager, der sich von Andersens Leben gerade zu einem eigenen Roman, „Reise in Blau“, hinreißen ließ, lässt den alten, todkranken Andersen fast nur noch über Sex phantasieren. Dass es schon 1901 in Hirschfelds „Jahrbüchern für sexuelle Zwischenstufen“ Hinweise darauf gab, dass Andersen zumindest eine sexuelle Begegnung hatte, hat der Ausnahme-Essayist Michael Maar in gewohnter Akribie unlängst in der „Zeit“ erläutert.

Die Spekulationen um Andersens Sexualität – darin den Diskussionen um Thomas Mann und seine Tagebücher vergleichbar – verdecken jedoch nur das größere Thema dieses Künstlerlebens. Natürlich ging es in Andersens Leben um Liebe. Aber um Liebe in jeder Form: um Selbstliebe, Selbstschätzung, Selbstüberschätzung. Und, die andere Seite der Medaille, um Achtung, Ruhm und gesellschaftliche Anerkennung. Andersen, das hässliche Entlein mit dem Willen zum Schwan, hat sein Leben lang darum gekämpft, anerkannt zu werden. Darin, nicht in der unerfüllten Neigung, liegt seine eigentliche Lebenstragödie.

Das beginnt schon mit den ersten Auftritten in Kopenhagen. Den 6. September 1819, den Tag seiner Ankunft in der Stadt, hat Andersen zeitlebens als „zweiten“, eigentlichen Geburtstag beschrieben. Und kein Biograf lässt sich die Szenen nehmen, in denen der schlaksige Vierzehnjährige in ärmlichen, ausgewachsenen Kleidern sein Entrée in der Kopenhagener Gesellschaft sucht. Von Tür zu Tür zieht er, zu Primadonnen, Balletteusen, Theaterdirektoren, Kritikern und Dichtern, und erzählt seine Lebensgeschichte, deklamiert seine Gedichte, singt und tanzt. Ein Multitalent, ein Naturgenie ganz nach dem Geschmack der Zeit und gleichzeitig eine Kuriosität.

Dieser unbedingte Wille zum Erfolg treibt Andersen über alle Hindernisse hinweg. Fürs Theater sei er zu mager, bedeutet ihm Theaterdirektor Holstein: „Oh, wenn ich nur mit hundert Reichstalern Gage angestellt werden könnte, würde ich schon fett werden“, ist die Antwort. Für den Chor – Andersen wurde als Kind für seine klare, helle Stimme gerühmt, sang in Odense in Fabriken und Altersheimen – ist er nach dem Stimmbruch nicht mehr geeignet, im Ballett gibt der groß gewachsene Junge keine bessere Figur ab und wird von Kameraden auf der Bühne öffentlich bloßgestellt. Doch Andersen gibt nicht auf, schreibt Drama nach Drama, reicht sie unter Pseudonym ein, veröffentlicht im Selbstverlag, trägt die Verse jedem vor, der sich nicht retten kann. „Euer Sohn wird ein berühmter Mann“, soll eine Alte in Odense seiner Mutter prophezeiht haben. „Ihm zu Ehren wird einst die Stadt Odense illuminiert werden.“ Und Andersen tut alles, die Prophezeihung wahr zu machen. Am Ende seines Lebens ist er der gefeierte Literaturstar Europas und steht im illuminierten Odense und hat Zahnweh. Sich sein eigenes Glück kaputtmachen: Auch darin war Andersen Meister.

Die Ironie der Geschichte: Seine Märchen sind berühmt, noch heute kennt sie jedes Kind. Den Mann dahinter kennt man nicht. Womit der Leser das schönste und traurigste aller Andersen-Märchen verpasst hat.

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