Kultur : Schwanengesang

Straußens Dramolett "Jeffers Akt" in der Berliner SchaubühneWer spricht von Siegen? Versiegen ist alles.Im Angesicht der Ewigkeit stimmt das uralt alte Schlummerlied den letzten Ton an.Erfüllung liegt im Verstummen, und die "innere Monotonie ist die einzige Antwort, die wir dem Immerwährenden geben können".Das weiß der Dichter Botho Strauß, das weiß auch sein Held, der Dichter Robinson Jeffers, aus "Jeffers Akt", diese Figur traumdämmernder Selbstverständigung, die Strauß sich in den achtziger Jahren erkoren hat.Eine einleuchtende Wahl: welt- und zivilisationsflüchtig, auf der Suche nach elementarer Erfahrung war auch der amerikanische Kollege.Was aber weiß das Theater, das Straußens Dramolett "Jeffers Akt" kürzlich zum Leben auf der Bühne verholfen hat? Bei der jüngsten Produktion der Berliner Schaubühne, die ja auch spielt, wenn alle Welt vom Theatertreffen spricht, verblüfft nicht so sehr die Tatsache, daß erneut eine Produktion (teil)mißlingt, sondern daß sie das eigene Können verrät.Wo ist in diesem Haus, das einst für theaterästhetische Offenbarungen gut war, der Sinn für das Symbolhafte von Situationen, also die Ur- und Elementarform des Theatralischen selbst, geblieben? "Jeffers Akt", eine poetische Phantasie über Verfehlung und Widerruf, über Verzicht und Selbstauslöschung, dargeboten von den Pionieren der Gründerzeit, von Edith Clever und Bruno Ganz, mit einer stupenden Musikalität, mit einer verkörperten Subtilität, daß man von einem Hochamt der Melancholie sprechen möchte: Dieser erste Teil der Aufführung ist das Ende, ein Abschied.Danach dürfte es nicht weitergehen.Danach löscht man die Kerzen und bettet sich zur ewigen Ruhe.Traum des Theaterflaneurs, der, Hanno Buddenbrook gleich, am liebsten den Schlußstrich zöge, glaubend, es käme nichts mehr.Aber das Leben geht weiter, jedenfalls auf der wirklichen Bühne."Jeffers Akt II", das ist, nach dem vollendeten Schwanengesang, plötzlich ein Schwank der Bauerntölpel, handlungsgesättigtes Spektakel, viele Worte, also viel Geschrei, noch dazu der aberwitzige Versuch, ein Langgedicht zum Drama umzugießen."Verblasse, schwinde und sieh!" hätte die Losung sein können, Straußens Jeffers sagt es hier selbst.Stattdessen wird alles realistisch klar konturiert, präsent und blind jedenfalls für jene Stille, für jenes "Schweigen der Ideen", welche die "Fragmente der Undeutlichkeit" und entsprechend auch der erste Teil des Theaterabends entworfen hatten.Fünfundvierzig Minuten konzentriertesten Endspiels, gefolgt von zweistündigem ausuferndem Weitermachen.Menschlich mag das ja sein und verständlich, verzeihlich, verschmerzbar.Aber schroffe "Ohnmenschlichkeit", um ein Sehnsuchtswort des Stücks zu verwenden, wäre uns lieber gewesen.Wenn das Theater, also die Kunst, sich nicht mehr der Ohnmenschlichkeit annimmt, wo wandert sie dann hin? Bange Frage - auf die jede Antwort fatal erscheint. TK

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