Kultur : Schwanzhund – 57 Punkte!

75 Jahre Scrabble. Auch diesmal wird es wieder auf vielen Gabentischen liegen. Man kann es spielen. Und manchmal wahnsinnig werden

Karin Ceballos Betancur

„E, R. Er. Zwei Punkte.“

„Na, viel ist das ja nicht.

„ Mir reicht’s.“

„ Mechthild, Du bist dran.“

„ Moment, Moment.“

Mechthild legt das Wort Hundnase]

(alle kursiven Zitate: Loriot „Ödipussi“)

Es war während eines harmonischen Winterurlaubs mit Freunden, als Spielleidenschaft und blinder Ehrgeiz mich überfielen wie sinistre, fünfarmige Gestalten aus einem Schattenreich. Ein Freund von uns hatte seiner bulgarischen Freundin zu Weihnachten ein Scrabble-Spiel geschenkt, die De-Luxe-Edition, auf dass sie ihre Deutschkenntnisse spielerisch perfektioniere.

Natürlich war mir das Spiel ein Begriff. Es gibt nur noch wenige Orte auf dieser Welt, an denen ein Mensch volljährig werden kann, ohne das Wort „Scrabble“ wenigstens einmal in seinem Leben gehört zu haben. Und wenn dieses Wissen bisher nicht zwingend zur Voraussetzung für die Zuerkennung des Wahlrechts erklärt worden ist, dann nur deshalb, weil es überflüssig wäre. Jeder weiß, worum es geht. Jeder. Jedenfalls ungefähr.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der nicht viel gespielt wurde. Dabei liebe ich Brettspiele. Solange ich gewinne. Wenn mich jemand bei „Risiko“ mit vier Armeen angreift, während ich mich längst auf der Flucht befinde und nicht mehr wehren kann, rede ich mit dieser Person drei Tage lang kein Wort mehr. Es gibt nicht viele Menschen, die gerne „Risiko“ mit mir spielen.

Am Anfang habe ich der bulgarischen Freundin des Freundes beim Scrabble-Spielen Gesellschaft leisten wollen. Ich gefiel mir in der Rolle der großen, sprachlich überlegenen Schwester, die einem übergeordneten, pädagogischen Zweck dient. Dann legte die bulgarische Freundin des Freundes das Wort „Sexy“ auf den dreifachen Wortwert. Danach war Krieg. Und drei Tage langes Schweigen.

Ich bin nicht stolz darauf behauptet zu haben, man könne das Wort „nämlich“ im Deutschen optional auch mit e, h und sch schreiben. Scrabble ist ein schlechtes Spiel für Leute, die sich Zeit ihres Lebens für gute, empathische, anständige Menschen gehalten haben. Es zerstört Illusionen.

„Hundnase? Was soll denn das sein?“

„Was das sein soll?“

„Das ist doch kein Wort.“

„Hundenase ist doch ein Wort.“

„HundEnase, Tante Mechthild, es heißt HundEnase.“

„Sag ich doch.“

„Da fehlt das E.“

„Hundenase wird mit E geschrieben.“

„Ich hab nur ein E.“

„Dann können Sie das eben nicht legen.“

„Aber es ist ein gebräuchliches Wort.“

„Tante Mechthild, Du legst jetzt was anderes.“

„Bitte sehr, bitte sehr.“

Mechthild legt das Wort Schwanzhund]

Vor 75 Jahren, 1931, saß der Architekt Alfred Mosher Butts, geboren am 13. April 1899, in seinem Haus in Pughkeepsie / New York, arbeitslos und mutmaßlich gelangweilt. Butts liebte Schach und verabscheute das Würfelspiel. Er suchte nach einer Möglichkeit, Glück und Planungsstrategie in einem Brettspiel miteinander zu kreuzen. Er dachte an die um sich greifende, nationale Begeisterung für Kreuzworträtsel und entwickelte eine erste Version dessen, was Jahre später zu einem Klassiker werden sollte. Sein Spiel nannte er „Lexico“.

Schon in der frühen Entwicklungsphase bestand das Spiel aus 100 Holzplättchen, die jeweils einen Buchstaben des Alphabets trugen. Zunächst war vorgesehen, die Plättchen frei, ohne Spielbrett zu legen. Extrapunkte gab es für weniger gewöhnliche Buchstaben wie B, F, H, M, P, V, W und Y, noch mehr Extrapunkte für sehr ungewöhnliche Buchstaben wie J, K, Q, X und Z. Um die Wertigkeit der Buchstaben zu bestimmen, studierte Butts die Titelseiten der New York Times.

Als der Architekt zwei Jahre später, 1933, zum ersten Mal versuchte, „Lexico“ patentieren zu lassen, scheiterte er mit seinem Vorhaben. Die Parker Brothers, die kurze Zeit später einen Welterfolg mit „Monopoly“ landen sollten, zeigten kein Interesse an Scrabble. In den folgenden Jahren fertigte Butts per Hand etwa 200 Brettspiele, die er an Freunde verschenkte oder zum Verschenken verkaufte. Man möchte in diesen Jahren nicht mit Herrn Butts verheiratet gewesen sein.

Mehrfach wechselte er den Namen seines Spiels, von „Lexico“ über „New Anagrams“, „Alph“, „Criss Cross“ und „Criss-Crosswords“ bis hin zu „Scrabble“, was im Englischen „herumsuchen, herumtasten“ bedeutet. Während sich das Interesse an seiner Erfindung nach wie vor in Grenzen hielt, begann Butts, ein Spielbrett zu entwickeln, versah Schachbretter mit entsprechenden Aufklebern und bemalte die Spielsteine per Hand, kleine Buchstaben auf 50 Quadratzentimeter großen Holzquadraten. Neue Regeln wurden entwickelt und verworfen. Zeitweise war vorgesehen, dass das erste Wort bei Spieleröffnung jeweils in der linken oberen Ecke des Spielfelds gelegt werden muss. Beibehalten wurde hingegen die Aufteilung in 15 mal 15 Felder, die Plastikbänkchen mit sieben Buchstaben darauf, die Anzahl der einzelnen Buchstaben sowie deren Wertigkeit.

Aber der große kommerzielle Erfolg blieb aus. Butts, der sich nicht als Geschäftsmann verstand, legte das Projekt auf Eis. Bis ins Jahr 1948. Nach wie vor waren es vor allem Freunde und Bekannte, die am Abend Buchstabensteine auf Spielbretter legten und vermutlich mitunter auch einander um die Ohren warfen. Einer von ihnen war James Brunot aus Newton / Connecticut. Er war begeistert von der Spielidee und schlug Butts vor, die kommerzielle Nutzung in die Hand zu nehmen. Die Freunde kamen zu einer Übereinkunft. Brunot würde sich um die Vermarktung des Spiels kümmern, während Butts für jedes verkaufte Spiel durch eine Urheberrechtsprämie entlohnt werden würde. Dem neuerlichen Copyright-Antrag wurde im zweiten Anlauf stattgegeben. Am 16. Dezember 1948 wurde das Spiel unter dem Namen „Scrabble“ registriert.

Der Weg nach oben war zäh. Anfangs verkaufte das Ehepaar Brunot die Spiele einzeln. Sie kauften die Einzelteile und stellten 18 Einheiten pro Tag her, ein nach wie vor aufwendiger Prozess, bei dem die Buchstaben einzeln auf die Holzplättchen aufgetragen werden mussten. 1949 wurden 2251 Spiele verkauft. Die Brunots machten in diesem Jahr 450 Dollar Verlust. Ihre Begeisterung begann abzuebben. Und sie taten, was man tun sollte, wenn man sich nicht gut fühlt und das nötige Geld dazu hat: Sie fuhren in Urlaub, mehr oder weniger entschlossen, das Scrabble-Abenteuer nach ihrer Rückkehr zu beenden. Zurück zu Hause allerdings erwartete sie eine Lawine von Bestellungen für das neue Brettspiel. Allein im letzten Drittel des Jahres 1952 wurden 37 000 Spiele verkauft. Im selben Jahr setzte Jack Strauss, Präsident der Ladenkette Macy’s in New York, erstmals im Urlaub Buchstabensteine auf ein Scrabblebrett. Und war begeistert. Nach seiner Rückkehr ließ er das Spiel ins Macy’s-Sortiment aufnehmen.

Ein Jahr darauf, der Verkauf war inzwischen auf 6000 Einheiten pro Woche gestiegen, dämmerte Brunot, dass er einen Bedarf dieser Größenordnung nicht mehr in Heimarbeit würde befriedigen können. Er verkaufte die Produktionsrechte an den Spielwarenhersteller Selchow & Righter, der zunächst kalkulierte, dass sich die Begeisterung für das Spiel nach ein, zwei Jahren wieder legen würde.

Unterdessen musste die Ausgabe der Spiele rationiert werden, weil die übergroße Nachfrage nicht befriedigt werden konnte. Im selben Jahr gelangte Scrabble nach Australien und Großbritannien. Und wurde aus dem Stand zum Verkaufsschlager. In den USA entwickelte sich Scrabble im Laufe der Jahre zum am meisten verkauften Brettspiel aller Zeiten, nach Monopoly.

Die Besitzverhältnisse haben sich längst geändert. 1968 verkaufte der tapfere Brunot die Rechte, mit Ausnahme derer von Nordamerika, Kanada und Australien. 1986 verkauften Selchow & Righter die Herstellungsrechte. Bis heute sind weltweit mehr als 100 Millionen Scrabble-Spiele verkauft worden. In den USA sind in jedem dritten Haushalt Spielbrett, Buchstabensteine und Filzsäckchen vorhanden. Scrabble wurde in 31 unterschiedliche Sprachen übersetzt, darunter Afrikaans, Arabisch, Braille, Chinesisch, Dänisch, Hebräisch, Katalan, Kroatisch, Malayisch, Slovakisch und Türkisch. Verkauft wird das Spiel in 121 Ländern. Die Scrabblefans sind zahllos, berühmt darunter unter anderem Sting, Keanu Reeves, Elisabeth II. und Mel Gibson.

Seit 1991 finden Weltmeisterschaften statt, 1991 die erste in London, zwei Jahre später die zweite in New York, an der auch der Erfinder des Spiels, Alfred Butts, teilnahm. Er starb im selben Jahr im Alter von 93 Jahren.

„Schwanzhund!“

„Ja. Das sind 57 Punkte.“

„Vielleicht erklären Sie uns, was ein Schwanzhund ist.“

„Was muss man denn da erklären?“

„Also, ich kenne das Wort nicht.“

„Ein Schwanzhund ist ein Hund mit einem Schwanz.“

„Ach nee, Mechthild . . .“

„Jeder Hund hat einen Schwanz.“

„Sie müssen sich schon ein bisschen an die Regeln halten.“

„Es heißt ja auch nicht Schwanzkuh.“

„Immer legt sie solche Worte.“

1955 kam Scrabble nach Deutschland. Ein offizielles Scrabble-Spiel verfügt in der hiesigen Variante über 102 Spielsteine, zwei davon weiße Joker, ein Spielbrett mit 255 Feldern von ca. 1,9 Quadratzentimetern Größe. Es gibt 24 hellblaue Doppelbuchstabenwertfelder, 12 dunkelblaue Dreifachbuchstabenwertfelder, 16 pinkfarbene Doppelwortwertfelder, acht rote Dreifachwortwertfelder sowie das zentrale Mittelfeld mit doppeltem Wortwert. Die vier Buchstabenbänkchen von 2,5 Zentimetern Breite, 17,4 Zentimetern Länge und 1,9 Zentimetern Höhe sind ursprünglich aus Holz gefertigt, ebenso wie die Buchstabenquadrate von zwei Zentimetern Länge, 1,8 Zentimetern Breite und vier Zentimetern Dicke. Heute gibt es alles auch in Plastik. Am Rand jedes Buchstabens ist der Buchstabenwert vermerkt. Die Punktverteilung hängt von der jeweiligen Sprache ab, in der das Spiel gespielt wird.

Zum 50. Jubliäum von Scrabble wurde im Wembley Stadium der Brettspielgrößenrekord gebrochen, als auf einem 900 Quadratmeter großen Feld mit zwei Quadratmeter großen und 40 Zentimeter dicken Spielsteinen aus Fiberglas Navy und Army mit 100 kiloschweren Buchstaben gegeneinander antraten. Früh war die Navy mit dem schottischen Wort „wickie“ in Führung gegangen, was die Army zwar mit einem lässigen siebenbuchstabigen „deathly“ parierte, den Sieg aber dennoch um zwei Punkte verfehlte.

„Aber es gibt Hunde ohne Schwanz.“

„In meinem Hause nicht.“

„Mama hat Recht.“

„Ihr habt einfach einen zu kleinen Wortschatz.“

„Also Mechthild. . .“

„Ja, ja, ja.“

„Dann hätte ich vorhin auch meine Quallenknödel legen können.“

Eines Abends tauchte die bulgarische Freundin des Freundes mit einem Duden im Arm am Esstisch auf. Seitdem ging es abwärts. Abwärts. Das wären immerhin 16 Punkte. Nachts, wenn die anderen im Bett lagen, fand ich mich allein am Esstisch wieder, fantastische Wortgebilde auf dem Spielbrett auftürmend, im Vollbesitz des Buchstabensäckchens, berauscht von einer Welle der Omnipotenz, ein Gefühl wie Gott sein für einen Tag. Wir haben uns seit dem Urlaub nicht mehr gesehen.

Vor ein paar Monaten habe ich mir Scrabble auf mein Handy geladen. Seitdem hasse ich es. Das Handy. Im Anfängermodus habe ich immer gewonnen. Dann habe ich das Handy eine Stufe schlauer gemacht. Seitdem verliere ich. Es ist demütigend. Ich weiß, dass mein Handy über mich lacht, wenn ich im Bett liege und versuche zu schlafen, während mir die Buchstabenplättchen wie böse Geister die Sinne vernebeln. Die Qs, die Xe und die Zets, sie stecken alle unter einer Decke, ich weiß es.

„Wenn man sich nicht an die Spielregeln hält, macht es keinen Spaß.“

„Bin ich hier in der Schule oder was?“

„Du kannst mich ja rufen, wenn die Damen sich geeinigt haben.“

„Paul?“

„Ja?“

„Gehst Du in Dein Zimmer?“

„Ja, Mama.“

„Was hat er denn?“

„Ach, der hat nichts.“

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