Kultur : Schwarz auf weiß

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Peter von Becker über Putzhilfen

und den neudeutschen Regulierungswahn

Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht zu einfach, meinte Albert Einstein. Dass heute irgend etwas in Deutschland zu einfach geht, wird indes kaum jemand behaupten. Gerade komme ich vom Finanzamt, um auf der neuen Lohnsteuerkarte meine beiden studierenden Kinder eintragen zu lassen. Weil ich aber nur eine statt zwei Immatrikulationsbescheinigungen dabei hatte, reichte der hierzu ausgefüllte Antrag nicht. Ich solle noch einmal mit der zweiten Bestätigung vorbeikommen. Ob das nicht einfacher gehe, fragte ich, zumal im selben Finanzamt alle meine Unterlagen mit weiteren Nachweisen vorlägen. Darauf zerreißt die freundliche Finanzbeamtin das ausgefüllte Formular und reicht mir einen zweiten Antrag, auf dem ich just dieselben Angaben noch einmal eintrage. Dieses Formular aber hat auch ein Kästchen mit der Rubrik „wie im Jahr 2003“, wo ich nun ein zusätzliches Kreuz setze. „Auf die Weise muss nicht ich Ihre Kinder prüfen – das machen später die Kollegen bei der Einkommenssteuererklärung“, sagte die freundliche Finanzbeamtin und reichte mir die gewünschte Karte. Beim Abschied sind wir uns dann einig, dass eine große, vereinfachende Steuerreform etwas sehr Schönes sein müsse.

Deutschland ist im Reformrausch. Auch das ist im Prinzip etwas Schönes, zumindest Gutes. Allerdings schwankt das Land in seinem Rausch noch heftig, manchmal torkelt es auch oder droht schon wieder ermattet einzuknicken, einzunicken. Das liegt an einer besonderen Reformeigenart. Denn während überall von „Deregulierung“ und „Vereinfachung“ gesprochen und geschrieben wird, scheint doch vieles noch komplizierter zu werden. Die deutsche Bahnreform zum Beispiel war so komplex, dass kein Mensch, geschweige ein Kunde mehr durchblickte. Worauf die Reform wieder reformiert wurde. Gleiches gilt für das in den Vorhöllen der Getränkemärkte zu Attentatslüsten treibende Dosenpfand. Dito die LKW-Mautposse – derweil uns die Österreicher mit ihrer für Trucker und Philosophen (der neuen Unübersichtlichkeit) idiotensicheren Fünfeurotechnik was vormachen. Vertruckte Sache.

Und jetzt soll auch noch die Hausarbeit staatlich kontrolliert und steuerlich oder gar strafrechtlich reguliert werden. Dabei verstehen wir ja die Schwarzmarktsorgen und Schattenwirtschaftsprobleme des Finanzministers. Aber entstehen so wirklich neue weiße (oder wie heißen die?) Arbeitsplätze? Und natürlich fragt man sich bei der Steuer- attacke auf die kleine Haus- und Gartenarbeit, was an Stelle neuer Bürokratiekosten der errechenbare Nutzeffekt wäre. Freilich gibt es schon eine Antwort (oder Hypothese) jenseits des je Errechenbaren. Sie lautet: Wer mehr Licht will, braucht (und schafft) auch Schatten, das gilt für die Wirtschaft einer Massengesellschaft wie für einen individuellen Organismus. Auch die Tugend existiere nur des Kontrasts zum Laster wegen, meinte der revolutionäre Seelenarzt Georg Büchner.

Das heißt im jüngsten Fall: Wer (steuer)gesetzestreue Bürger will, darf nicht alles überregulieren, es muss in einer lebendigen, widersprüchlichen Gesellschaft auch Ventile und Residuen des Anarchischen, Unregulierten, des politisch oder streng juristisch Unkorrekten geben. Je schärfer ein Obrigkeitsstaat (oder gar eine Diktatur) in alle Lebensbereiche eingreift, desto eher entstehen antistaatliche Reflexe und (asoziale) Nischen. Die Mehrheit selbst der trennmüllwilligsten Bürger wird sagen, beim Hausputz, Bügeln oder Laubrechen will ich kein Arbeitsamt und keine Formulare! Lieber zahl ich meiner Putzfrau direkt ein paar Euro mehr – und damit kurbelt wenigstens die unseren Konsum an. Was auch dem Finanzminister hilft. Das wäre einfacher, ohne dass es komplizierter wird.

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