Kultur : Schwarz, rot, bunt

Seit 30 Jahren kauft die Bundesregierung Kunst. In Berlin ist eine Auswahl zu sehen

Ulrich Clewing

Die Italiener lieben ihre Nationalfarben. Manchmal essen sie sie sogar auf: Basilikum (Grün), Mozzarella (Weiß), Tomate (Rot). Auch die Franzosen sind hin und weg, wenn es um ihre Fahne geht, das weiß jeder, der einmal in Frankreich war: Blau, Weiß, Rot allüberall. Nur hierzulande scheint man ein eher gestörtes Verhältnis zu derlei innigen Bekenntnissen zu haben, dabei lassen sich auch mit Schwarz, Rot, Gold schöne Dinge anstellen. Im Jahr 1965 bestrich der Maler Jörg Immendorf eine Leinwand mit dem deutschen Dreiklang, aber auf sehr eigene Art: Der obere Rand des Bildes besteht aus einem schmalen Streifen Schwarz. Darunter, leicht gewellt wie eine feine Nebelschwade, ein Streifen Rot. Den Rest, Dreiviertel des Gemäldes, bemalte Immendorf mit Gelb, und schrieb, ebenfalls in Gelb, recht unbescheiden in großen Lettern seinen Namen hinein.

Immendorfs Werk „Pass (Deutsche Farben)“ ist eine von neunzig Arbeiten, die ab heute im Hamburger Bahnhof zu sehen sind. Dabei handelt es sich um ein besonderes Konvolut: Es sind die Neuerwerbungen einer großen Unbekannten – der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. Die wenigsten wissen, dass der Bund Kunst kauft, obwohl er das seit mehr als dreißig Jahren tut. Der Brandt-Porträtist Georg Meistermann war es, der die Anregung gab, Gemälde und Skulpturen aktueller Künstler zu erwerben, um damit Ministerien und Behörden, Botschaften und Museen auszustatten. Inzwischen ist diese Kollektion ohne festen Ort auf rund 1000 Exponate angewachsen. 500 000 Euro pro Jahr sind dafür in den Bundesetat eingestellt, keine exorbitante Summe, doch genug, um erstaunlich viele qualitätvolle Stücke zusammenzubringen.

Die ältesten Arbeiten stammen aus den sechziger Jahren. Neben Immendorfs „Pass“ erwarten einen eine collagierte Zeichnung des bekennenden Kommunisten Arthur Koepcke, zwei wunderbare Gemälde der Art Brut von Heimrad Prem und HP Zimmer von der Gruppe „Spur“ sowie zwei Materialassemblagen des unbändig kreativen, vor wenigen Jahren verstorbenen Fluxus-Veteranen Dieter Roth. Auch Joseph Beuys ist unter den Neuerwerbungen vertreten, und zwar mit einem großformatigen Diagramm nebst Tonbandmitschnitt eines Vortrages aus dem Jahr 1973, in dem der wohl einflussreichste Künstler der letzten vierzig Jahre seine These von der „Sozialen Plastik“ erläuterte.

Danach vollzieht die Ausstellung einen Zeitsprung direkt in die neunziger Jahre. Die Kunst der Achtziger befindet sich entweder schon in der Sammlung oder sprengte, wie anlässlich der Vorbesichtigung unumwunden eingeräumt wurde, das zur Verfügung stehende Budget. Zum Glück nicht zu teuer war der „David“ des genialen Dilettanten Hans-Peter Feldmann, dem das Museum Ludwig in Köln gegenwärtig eine Retrospektive widmet. Schmallippig, mit kritischem Blick gibt die pseudo-michelangeleske Büste aus den Jahren 1989/90 einen geistreich-ironischen Kommentar ab zur klassischen bürgerlichen Kunstrezeption, die oft genug abgegriffenen Idealen folgt, um dafür das Zeitgenössische um so mehr verachten zu können.

So betrachtet ist Feldmanns „David“ so etwas wie das Leitmotiv der Schau. Wer nämlich glaubt, im Hamburger Bahnhof gefällige „Staatskunst“ vorzufinden, irrt sich gewaltig. Die Kunst, die nach Ende der Ausstellung in bundesrepublikanische Bürofluchten entschwinden wird, ist unbequem und sperrig, kompliziert und roh, hässlich und krude, aber andererseits in ihrer Hässlichkeit häufig ausgesprochen poetisch. Insofern unterscheidet sich dieser Querschnitt in keiner Weise von den Gepflogenheiten des aktuellen Kunstbetriebs – was in dem Fall durchaus als Kompliment zu verstehen ist.

Und so trifft man hier etliche der üblichen Verdächtigen, Manfred Pernice beispielsweise mit einer seiner Architektur-Skulpturen („Am Brunnen“, 1996) oder Christian Jankowski mit dem wirklich komischen „Herzlichen Glückwunsch“-Video, das bereits vor drei Jahren aus Anlass der Nominierung des Preises der Nationalgalerie für junge Kunst im Hamburger Bahnhof zu sehen war. Vom Fotografen Wolfgang Tillmans wird eine Fotoserie aus der Londoner U-Bahn präsentiert, die dem fragmentarischen Blick huldigt. Sebastian Hammwöhner hat eine verstörende Installation aus wie zufällig abgelegten Kleidungsstücken beigesteuert.

Positiv bemerkbar macht sich auch die Entscheidung, nicht nur deutsche Künstler in die Sammlung aufzunehmen. Rikrit Tiravanija, der Indonesier aus New York, stapelte 24 Siegerkränze samt schwarz-rot-goldenen Schleifen übereinander; die in England lebende Videokünstlerin Tacita Dean filmte einen Tag und eine Nacht lang im Restaurant des Fernsehturmes am Alexanderplatz.

Ausgewählt hat das Ganze, anders als bis 2000 üblich, ein Einzelner: Veit Loers, im Hauptberuf Museumsdirektor in Mönchengladbach. Auch das war ein Glücksgriff – zumal die Umstände seiner Berufung nicht unbedingt erfreulich waren: Wegen Unstimmigkeiten bei der Ernennung eines Kommissionsmitgliedes war das amtierende Gremium vor drei Jahren unvermittelt zurückgetreten und schien einen Scherbenhaufen hinterlassen zu haben. Doch die schlimmsten Befürchtungen sollten sich nicht bestätigen, Loers absolvierte die Herkules-Arbeit, die ihm Kulturstaatsministerin Christina Weiss attestierte, mit Bravour. Trotzdem wird dies ein Einzelfall bleiben. In Zukunft, so kündigte Weiss an, wird für die Sammlung des Bundes wieder eine im Lauf des Jahres zu bestimmende Kommission zuständig sein. Aus einem einfachen Grund: Der Arbeitsaufwand ist für einen allein schlicht zu groß.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr, bis 31. August.

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