Kultur : Schwarz-Rot-Pop

Nationalstolz: die Berliner Band Mia und ihre neue CD

Sebastian Handke

Für den unvorbereiteten Beobachter war es ein merkwürdiges Schauspiel, das sich Mitte Januar dem Auge bot, am Anhalter Bahnhof in Berlin. Demonstrierende Studenten und Berliner Bands hatten sich eingefunden, um den Protest lautstark ins Neue Jahr zu tragen, doch kaum standen die ersten Musiker auf der Bühne, wurden sie von den Studenten, zu deren Unterstützung sie gekommen waren, mit Eiern beworfen und von der Bühne gejagt.

Das war es wohl nicht, was die Band Mia im Sinn hatte, als sie vor zwei Jahren anlässlich ihres viel beachteten Debut-Albums „Hieb und Stichfest“ vor allem eins forderte: mehr Wut. Woher aber dieser Furor im Publikum? Das trotzig-raue Klangbild ihres so genannten Elektropunks, die vielfarbigen Frisuren von Sängerin Mieze, die Auftritte auf 1.-Mai-Demos und Solidaritätskonzerten für die Hamburger Bambule-Wagenburg: Mia schienen Bestbesetzung zu sein für Studentenkundgebungen dieser Art. Aber Mia sind eben auch jene Band, die im letzten Jahr mit einem Marsch um den großen Stern und einer eigens engagierten Blaskapelle die Loveparade eröffneten.

Der Text des zwischen Teutonensamba und Elektromarsch oszillierenden „Was es ist“ ging auf ein Gedicht von Erich Fried zurück; die Liebe freilich, die hier gemeint ist, und zu der sich Mia „bereit“ fühlt, gilt nicht einem Menschen, sondern einem Land. Nachdem nämlich über schwarzem Kaffee und roten Lippen die gelbe Sonne aufgegangen ist, folgt das wenig charmante Bekenntnis: „Fragt man mich jetzt, woher ich komme, tu ich mir nicht mehr selber leid.“

Elektropunk und Nationalgefühl? Images und Zeichen, die man eigentlich sauber getrennt sehen möchte, geraten durcheinander und versetzen das Publikum in Verwirrung, nachdem der Nazirock schon in den Achtzigern das bisher eher den Linken vorbehaltene Terrain des Pop zumindest an dessen Rändern usurpiert hatte. Die extreme Linke wiederum hält sich lieber an Slimes „Deutschland muss sterben“ und lässt jetzt in Internetforen wie indymedia.org ihrem Unmut über die Kuckuckskinder Mia freien Lauf, unterstützt durch eine boshafte Artikelserie in der „Jungle World“. Aber auch respektable Medien fallen plötzlich über Mia her, über die Wunderkellerkinder von 2002, die sich damals bereitwillig zum Aushängeschild neuen Berlin-Hypes stilisieren ließen.

Was die ganze Sache kompliziert machte, war ihre Einbettung in ein allgemeines Lifestyle-Phänomen. Schwarz-Rot-Gold war schon im letzten Herbst eine gern getragene Farbkombination, nicht nur in jenem Hochglanzmagazin, das „Deutsch“ sogar im Titel trägt. DJ Hell wurde bei Auftritten mit Bundeswehrmütze gesehen, die Wunder von Bern und Lengede stricken an Nationalmythen, und auf der Kompilation „Heimatkult – German Liedgut Vol. 1“ finden sich respektierte Acts wie Tocotronic und Beginner. Ein bisschen bang kann einem schon werden, bei so viel neuer Selbstverständlichkeit.

Wenn man sich aber mit den Mitgliedern von Mia unterhält, wird schnell klar, dass sie über Stilfragen hinausgehen wollen. Vom peinlichen Aussetzer „Was es ist“ gibt es in ihren Augen nichts zurückzunehmen – das Stück ist auch auf der neuen CD enthalten, die am heutigen Montag erscheint. Aber es war eben doch nur eine Episode, die übrigens auch mit der Geste, mit der die Sex Pistols einst Hakenkreuze trugen, nichts gemein hat. Denn Mia möchten gar nicht subversiv sein, ganz im Gegenteil, sie wollen konstruktive Musik machen.

„Es geht doch darum, dass man sich darstellen kann: nicht nur durch Abgrenzung, sondern dadurch, dass man für etwas ist“, sagt Schlagzeuger Gunnar Spies wohl auch mit Blick auf die extreme Linke. Und Sängerin Mieze fügt hinzu: „Deshalb ist mir das Stück ,PRO Test’ auch so wichtig – ich fände es toll, wenn es in Zukunft auf Demos gespielt werden würde.“ Das sechsminütige Stück ist ein stampfendes Plädoyer für Inhalte, das die Nähe zum Electroclash sucht mit der schönen Zeile: „Wirst Du mir vergeben, wenn ich Dich anrege?“

„Stille Post“ (ROT/Sonymusic/COL) heißt das neue Album von Mia, doch Zurückhaltung ist ihre Sache nicht. Immer noch herrscht der freche Anschluss an die alte Neue Deutsche Welle vor, an Synthiepop, Punkrock und ein wenig New Wave, an Neonbabies, Police und Annette Humpe. Besonders originell ist das nicht – aber wer die Gesellschaft verändern will, kann sich nicht auch noch mit Innovationspreisen abgegeben. Und dass sie das wollen, daran lassen Mia keinen Zweifel.

„Hoffnunghoffnunghoffnunghoffnung“ heißt es voll positiver Wut im gleichnamigen Song, aber auch für eher schlichtere Empfehlungen ist man sich nicht zu schade – etwa jene, beim Zähneputzen das Wasser abzudrehen („Ökostrom"). Mia sind Teil des offenen Kunstprojekts „Angefangen“, das sich als gesellschaftspolitische Bewegung versteht, die „in Vergessenheit geratene Werte wieder ins Leben rufen“ will: Respekt, Mut, Liebe und Toleranz. „Wir sind Menschen, die bohren“, sagt Mieze.

Man mag das als Kinderquatsch empfinden, aber es ist doch ein sehr ernst gemeinter – und auch ein ernst zu nehmender , denn Mia haben gute Chancen, das Erbe Ralph Siegels anzutreten und ihr geliebtes Deutschland beim nächsten Grandprix d’Eurovision in der Türkei zu repräsentieren. Das Lied, mit dem sie am 19. März zum Vorentscheid antreten, heißt „Hungriges Herz“, hat geradezu heimtückische Ohrwurmqualitäten und ist tatsächlich einer der hinreißendsten Songs, den der deutsche Pop seit langem hervorgebracht hat.

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