Kultur : Schwarz und Grau

Mike Mills’ Pubertätsdrama „Thumbsucker“

Christian Schröder

Die Pubertät ist die Zeit einer sich dramatisch zuspitzenden Unzulänglichkeit. Der Körper ist schon erwachsen, aber die Seele passt noch nicht hinein. Justin (Lou Taylor Pucci) reagiert auf die Veränderungen seines Aggregatzustands mit völligem Rückzug. Er schließt sich auf der Schultoilette ein und lutscht am Daumen. Mit 17! Die Welt versteht ihn falsch, vor allem seine Familie. Der Vater (Vincent D’Onofrio), ein Sport-Idiot, der einer gescheiterten Baseball-Karriere hinterhertrauert, fordert Härte: „Das ist peinlich, hör auf damit!“ Die Mutter (Tilda Swinton) interessiert sich momentan mehr für den Hauptdarsteller einer Fernsehsoap. Und der kleine Bruder (Chase Offerle) höhnt: „Normalerweise hat man in deinem Alter Sex, du hast noch nicht mal geknutscht!“

Coming-of-Age-Filme, von „The Graduate“ bis „Garden State“ ein Lieblingsfeld des unabhängigen amerikanischen Kinos, zeigen das Erwachsenwerden als Zeit donquichottesker Kämpfe. Am Ende siegen die Institutionen, gegen die sich das Individuum auflehnt. „Thumbsucker“ von Mike Mills folgt den Regeln des Genres, sein Held ist ein langhaariger, linkischer Träumer, es gibt die äußerlich intakte, innerlich ausgehöhlte Familie und den Anpassungsdruck staatlicher Stellen. Allerdings übt das System seine Gewalt überaus sanft aus, Justin wird fürsorglich belabert. „Thumbsucker“ ist sozusagen ein postheroisches Pubertätsdrama. Der Zahnarzt (Keanu Reeves), ein New-Age-Freak, setzt Justin unter Hypnose, die Lehrer erkennen ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und verpassen ihm Pillen. Pharmakologisch gestärkt wandelt sich das Problemkind zum Musterschüler, gewinnt Rhetorik-Wettbewerbe, hascht aber heimlich mit der Klassen-Beauty (Kelli Garner).

Das Schönste an „Thumbsucker“ ist Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci, der bei der Berlinale 2005 den Silbernen Bären bekam. Das Zweitschönste ist der Soundtrack, die betörenden Gesänge von The Polyphonic Spree und der karge Indiefolk von Elliot Smith, der sich während des Drehs das Leben nahm. „Im Grunde sind wir alle kleine verängstigte Tiere“, sagt Justin am Schluss. Jedes Tierchen hat hier sein Pläsierchen, liebevoll werden die Macken der Nebenfiguren ausgemalt. Leider ist der Film so still inszeniert dass er selber wie ruhig gestellt wirkt.

Babylon Mitte, Blow Up, Central, Filmkunst 66, Filmtheater Friedrichshain, Colosseum; OV im CineStar Sony Center

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