Kultur : Schwarz und heiß

Die Cape Town Opera mit „Porgy and Bess“ in Berlin

Frederik Hanssen

Berührt hier das Leben die Kunst oder die Kunst das Leben? An der Deutschen Oper Berlin gastiert die Cape Town Opera, die einzige Musiktheatertruppe Südafrikas. In den kommenden vier Wochen werden sie „Porgy and Bess“ spielen, mit einer farbigen Sängerbesetzung, so, wie George Gershwin es vorgeschrieben hat. Als der Komponist 1933/34 DuBose Heywards Roman über das Leben der ehemaligen Sklaven in Charleston, South Carolina, vertonte, hatte er kein geringeres Ziel, als eine amerikanische „Volksoper“ zu schaffen. Ein Weißer komponierte das bis heute bekannteste „schwarze“ Musikdrama, bei der Uraufführung am Broadway waren die Kritiker verstört, nach 128 Aufführungen verschwand das wegweisende Werk vom Spielplan, erst im zweiten Anlauf sieben Jahre später konnte es seinen Siegeszug um die Welt antreten.

Als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer war George Gershwin das Gefühl vertraut, zu einer Minderheit zu gehören. Doch während seine Glaubensgenossen um gesellschaftliche Anerkennung rangen, oft sehr erfolgreich, gerade in den Kreativberufen der US-Unterhaltungsindustrie, verharren die Schwarzen in Gershwins Oper in ihrer Isolation, nehmen Repression und Rassismus als unabwendbar hin. Hier knüpft Angelo Gobbato, künstlerischer Leiter der Operntruppe aus Kapstadt an. Er verlegt „Porgy and Bess“ in die südafrikanischen Siebziger. Wenn sich der Vorhang hebt, schwebt eine Abrissbirne über den Köpfen des Chores. Es sind die schlimmsten Jahre der Apartheit, Farbige werden aus den Innenstädten vertrieben, ihre Häuser zerstört. Aus halb eingerissenen Gebäuden, mit Brettern und Wellblech bewohnbar gehalten, fügt Peter Cazalet sein Bühnenbild zusammen. Realistisch will die Inszenierung sein und tendiert doch dazu, das Elend folkloristisch zu verniedlichen, auch weil Mannie Manim die Szene immer wieder in milde Abendlichtstimmungen taucht. Die Ästhetik erinnert an Altbestände im Fundus der Deutschen Oper, die „Carmen“ von 1979 war ähnlich pittoresk-pastellig ausgestattet.

Dennoch entfaltet die Geschichte ihre Eindringlichkeit. Weil die Südafrikaner sich selber spielen, mit einer direkt aus dem Körperinneren kommenden Emotionalität, wie man sie in Old Europe selten erlebt. „Dramatik, Humor, Aberglaube, religiösen Eifer, Tanzlust und unverwüstliche Frohnatur der Schwarzen“ wollte Gershwin einfangen. Die Sänger aus Kapstadt füllen seinen klingenden Bilderbogen mit pochendem Puls und einer geschmeidigen Selbstverständlichkeit noch in den vertracktesten Rhythmen, so dass die jazzig-expressionistische Begleitmusik aus dem Graben zunächst hölzern und ausgezählt wirkt. Erst nach und nach gelingt es dem Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung des afroamerikanischen Maestro Willie Waters, Energie von der Szene aufzunehmen und locker zu werden.

Xolela Sixaba ist ein Porgy von berstender Lebenskraft, Janinah Burnett als seine Bess eine leidenschaftlich Zerrissene. Pretty Yende singt heißblütig von der „Summertime“, Victor Ryan Robertson schlängelt sich als mephistophelischer Sportin’ Life durchs Bühnengewimmel. Kaiser Nkosi und Otto Maidi teilen sich die Rolle des Crown, weil der eine, fußverletzt, nicht spielen, der anderen, heiser, nicht singen kann: gemeinsam potenzieren sie ihre Power. Unvergleichlich aber ist Miranda Tini als Maria, eine archaisch-weitherzige Urmutter, ein Berg von einer Frau im bunten Wallegewand mit gewickeltem Kopftuch, ein Fels in der schauspielerischen Brandung. Im Ensemble entwickeln die Afrikaner beachtliche Phonstärken und beeindrucken durch ihre Körperspannung, ihr stets Beteiligtsein am Geschehen, selbst wenn sie mal nur Beobachter sind.

Nach drei Stunden, umtost vom enthusiastischen Premierenapplaus, steht die Hoffnung im Raum, dass sich dieses finanziell gewagte Unternehmen zum Publikumsmagneten entwickeln möge: Weil die Deutsche Oper hier die von der Politik insistent geforderte Sommerbespielung realisiert, mit Hilfe der Berliner Symphoniker übrigens, die ab dem 20. Juli im Graben sitzen werden, wenn das Hausorchester in den Urlaub geht. Und weil die Cape Town Opera nur durch ihre Europa-Tourneen zu Hause spielfähig ist, ihre Aufführungen im städtischen Kulturzentrum wie in den Townships realisieren kann. „Es ist ein weiter, weiter Weg“, singt der Männerchor immer wieder, „aber dann werden wir im gelobten Land vor Anker gehen.“

Bis 1. August, täglich außer Montag

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