Kultur : Schwarz wie das Quadrat

KATRIN BETTINA MÜLLER

"99 Luftballons", das ist lange her.99 Filzstiftzeichnungen, von Bernhard Garbert in der Galerie Inga Kondeyne ausgestellt, greifen ebenfalls auf das Arsenal aus dem Kinderzimmer zurück.Erst im Nebeneinander entfalten die verschiedenen Ordnungen der auf Rechenkästchenpapier rot umrandeten Quadrate die Anmutung eines lebendigen Systems.Wie ein Vogelschwarm verteilen sich die Markierungen über die Blätter: mal gleichmäßig über das Papier gestreut, mal in dichten Trauben am Rand zusammengezogen, dann in dünnen Ketten tröpfelnd oder geteilt in eine große Gruppe und einen Nachzügler.

Mit Systemen und Dingfamilien arbeitet der Berliner Künstler Bernhard Garbert seit über zehn Jahren.Unspektakuläre Materialien, die fast überall verfügbar sind, wie Kartons, Milchtüten, Kohlestaub, Glas und Gummi, wurden dabei zu seinem Markenzeichen.In Rio de Janeiro stapelte Garbert 1996 Blumentöpfe zu einer Säule, in der Marmara-Universität Istanbul entwarf er während eines Stipendiums 1997 ein transparentes Labyrinth aus weißen Staubnetzen, die in zwei Spiralen von der Decke hingen.

Fast alle seine Serien verbindet Offenheit und Flexibilität in ihren Strukturen.Das Ensemble "Kosmos", das über zwei Wände der Galerie läuft, scheint nur ein Ausschnitt zu sein aus einer unendlichen Menge von kleinen und großen schwarzen Quadraten, die sowenig zählbar sind wie die Sterne am Himmel.Mit Kohlestaub auf Glasbruch gemalt, ist jedes Quadrat des "Kosmos" das größtmögliche auf seinem Träger.Die einzelnen Scherben (350 DM bis 2500 DM) thematisieren das Fragmentarische, die schwarzen Quadrate dagegen stehen für Ganzheit.

Garbert überarbeitet in seinen "multiplen Systemen" die Gesten des Minimalismus und der Konzeptkunst.Deren Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Rezeption setzt er zwar fort, aber dem Dialog mit dem Betrachter nimmt er doch einiges von der erzieherischen Strenge.So kann man "Kosmos" auch als eine Paraphrase über das "Schwarze Quadrat" von Malewitsch aus dem Jahr 1915 sehen, das im Laufe des Jahrhunderts als ein Signal für die Negation des Abbildens und als Bekenntnis zur mystischen Erfahrung im Bild gelesen wurde.Die Abkömmlinge, die das historische Urbild in der Installation "Kosmos" wie eine ausgedehnte Großfamilie umspielen, lassen von seinem Erlösungs-Anspruch nicht mehr viel übrig.Sie wenden vielmehr Reduktion und Negation in ein neues produktives Spiel.Als Garbert vor drei Jahren eine Liste möglicher Titel aufstellte, hieß eine Zeile: "Über immer mehr schwarze Bilder freut sich die Nacht".

Galerie Inga Kondeyne, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, bis 17.April; Dienstag bis Sonnabend 14-19 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben