Kultur : Schwarzbrotgold

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Christiane Peitz lauscht dem Stimmengewirr nach der Wahl

Nach dem Kulturkampf herrscht Kulturfrieden. Wir hatten die Wahl – und jeder bekommt, was er will. Bayern ist bayrischer als je zuvor; die nicht mehr ganz so neue Mitte ist mitten bei sich selbst angekommen, und das Kreuzberger Wunder der Direktwahl Christian Ströbeles verbreitet die gute alte Kiezatmosphäre über die ehemaligen Bezirksgrenzen hinaus bis nach Friedrichshain.

„Mir san mir“ oder Die Eingemeindung des Unbehagens an der politischen Kultur: Irrt Stoiber also, wenn er auch nach der Wahl auf der Differenz zwischen Stimmungen und Stimmen beharrt? Stand am 22. September nicht vielmehr eine Mentalitäts- und Identitätsfrage auf dem Wahlzettel – und damit die Entscheidung für die Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Milieu?

Tatsächlich ist das – knappe – Votum für Rot-Grün ein Plädoyer für jenen Kulturbruch – Kulturstaatsminister Nida-Rümelin nennt es vorsichtiger Kurskorrektur –, den Schröders Regierungsmannschaft vor vier Jahren annoncierte: das (Selbst-)Bekenntnis eines Lebensgefühl, dem eine möglichst offene, undogmatische Gesellschaft entspricht. Eine modernisierte, reformierte und mit all ihren Unwägbarkeiten mitunter auch deformierte Gesellschaft, die ein anderes Familienbild hat, die den Frauen die Qual der Wahl zwischen Berufs- und Kinderwunsch erleichtert, die künftigen Generationen nicht den Schuldenberg der Gegenwart hinterlassen möchte und die Grenzen des Wachstums anzuerkennen beginnt.

Keine Experimente? Von wegen: Der Wahlsieg der Grünen und die Mehrheit für das linke Lager insgesamt signalisieren eine Risikobereitschaft, die über das traditionelle alternative Milieu hinausreicht – bei aller Enttäuschung über die Regierungsschlappen der letzten Jahre. Zukunft ja bitte, aber Illusionen macht sich keiner. Mit den notwendigen Grausamkeiten in der Arbeitsmarkt- oder Steuerpolitik wird längst gerechnet.

Und doch ist der Wahlausgang mehr als bloßes Stimmungsbild oder gar Bauch-Entscheidung: Allein die vielfach angewandte Strategie des Stimmen-Splittings verrät, dass hinter den Stellwänden etlicher Wahlkabinen kühl kalkulierende Köpfe steckten. Kopf und Bauch – eine Wahlverwandtschaft. So gesehen, haben sich am Sonntag Stimmungen tatsächlich in Stimmen verwandelt.

Diese Stimmung manifestiert sich nicht zuletzt in Form politischer Feuilletons: Nie zuvor haben sich so viele Künstler im Wahlkampf zu Wort gemeldet, nie zuvor war die Kunstschau der Documenta als wichtigstes Kultur-Ereignis in den Monaten des Wahlkampfs so unmissverständlich auf Politik konzentriert, von der Politisierung des deutschen Films, der Theater oder Festivals wie der Ruhr-Triennale zu schweigen. Umgekehrt debütieren Spitzenpolitiker aller Parteien in der jüngsten Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ als Literatur-, Film-, Musik- und Kunstkritiker.

Alle Macht der Kultur? Ein einheitliches Bild bietet diese neue, alte Kulturnation keineswegs. Die Stimmung, insofern hat Stoiber doch nicht ganz Unrecht, bleibt ambivalent. Das Nord-Süd-Gefälle ist zwar nicht neu, aber größer denn je. Oder die Ost-WestSpannung: Zwar raufen sich Toskana-Fraktion und Ostdeutsche allmählich zusammen, als sei die gesamte Bundesebene eine Berliner Volksbühne. Aber bei aller Verbundenheit steht die mentale Mauer in Berlin immer noch: wenig Chancen für die Grünen im Ostteil, kaum eine für die PDS im Westteil der Stadt.

Erst recht ambivalent steht es um die Amerikafrage. Eine doppelte, wenn nicht dreifach paradoxe Volte. Ja, dieser Wahlkampf mit seinen Fernsehduellen war amerikanischer denn je. Gleichzeitig hat Schröders Stimmungsmache gegen Präsident Bushs Säbelrasseln ihm Stimmen gebracht. Dennoch sind die wenigsten Irakkriegsgegner unter den Wählern Antiamerikaner. Amerika ist und bleibt auch hierzulande Leitkultur: Die Popularisierung und Personalisierung der Politik, der Import der Starbucks-Kaffeekultur und die Pläne zu einer Deutschen Filmakademie nach dem Vorbild der American Academy sind nur die aktuellsten Symptome.

Hinzu kommt die Zapper-Mentalität. Der knappe Wahlausgang ist nicht zuletzt Ausdruck einer ästhetischen Lust am schnellen Wechsel. Vier Jahre Schröder-Programm war vielen genug – das Umschalten zum Stoiber-Programm garantierte allerdings nicht unbedingt einen höheren Unterhaltungswert. Die rasanten innerparteilichen Aufräumarbeiten am Tag an der Wahl zeigen es ebenfalls: Wir leben in ungeduldigen, unberechenbaren Zeiten. Manch einer spielte beim Zappen am Sonntagabend mit dem Gedanken, wie es wäre, wenn sich die gesamte neue Legislaturperiode den unterschiedlichen Zahlen der Sender und ihrer Wahlforscher entsprechend in Parallelwelten teilte. Und wir hätten die Wahl, vier weitere Jahre.

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