Schwarzbuch für Kanzler : Den bringe ich auf null!

Helmut Kohl sah sich als Enkel von Konrad Adenauer. Gelernt hat er viel von seinem Vorvorvorgänger: das Taktieren, Kalkulieren und die Kunst der Intrige.

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So schön war die Welt. Helmut Kohl, seine Gattin Hannelore und die Söhne Walter und Peter laufen im Juni 1981 über eine grüne Wiese am Wolfgangsee.
So schön war die Welt. Helmut Kohl, seine Gattin Hannelore und die Söhne Walter und Peter laufen im Juni 1981 über eine grüne...Foto: dpa

Im Bewusstsein der Deutschen hat er sich als ewiger Amtsinhaber so tief eingeprägt, dass er jahre-, ja, jahrzehntelang „geradezu als der Bundeskanzler gilt“. Dabei scheint er zunächst ungeeignet für die Regierungsspitze. Zu provinziell im Auftritt, zu schlicht seine Rhetorik. Doch nach der Kanzlerwahl sind viele Beobachter verblüfft, „mit welcher Dynamik“ er sich „scheinbar unaufhaltsam in die führende Position vorgearbeitet hat“. Einmal angekommen an der Spitze, hält der Kanzler an der Macht fest, kämpft von Wahl zu Wahl zu Wahl. Probleme werden ausgesessen, Herausforderer weggebissen. „Den bringe ich noch auf null!“, kündigt er rachsüchtig an. Als der Kapitän schließlich die Kommandobrücke verlassen muss, sagt er resigniert: „Wenn man so hoch steht, wie ich stand, so ist man sehr einsam.“

Abenddämmerung der Verbitterung

Vom Höhenflug übers Geschichte- Schreiben in die lange Abenddämmerung der Verbitterung. So könnte man die Kanzlerjahre von Helmut Kohl beschreiben. „Ein Lächeln liegt auf diesem Land / Grinst unerträglich ignorant“, hat Herbert Grönemeyer gesungen. Aber es geht hier gar nicht um Kohl, sondern um sein Idol, den Vorvorvorvorgänger Konrad Adenauer. Die Zitate stammen aus der 2000-Seiten-Biografie des Politikwissenschaftlers Hans-Peter Schwarz, der am letzten Mittwoch gestorben ist, zwei Tage vor dem Altkanzler. Kohl hat sich früh als „Enkel“ Adenauers bezeichnet. Sein Schüler, das zeigt sich in Schwarz’ minutiöser Darstellung, war er auf jeden Fall.

Alter Mann ohne Ehrjeiz

Wie man in einer Partei nach oben gelangen, Fraktionen und Lager gegeneinander ausspielen, treue Gefolgsleute rekrutieren kann, das hat Kohl vom „Alten“ gelernt. Ambitionen blühen am besten im Verborgenen, auch das war eine Lektion. „Sehen se, ich bin ’ne alte Mann, ich habe ja keine politische Ehrjeiz mehr“, hat Adenauer bald nach Kriegsende zu einem britischen Besatzungsoffizier gesagt. Kohl ließ seinem „Männerfreund“ Franz-Josef Strauß 1980 als Kandidat bei den Bundestagswahlen den Vortritt, weil er ohnehin keine Chance auf einen Sieg sah. Das Taktieren und Kalkulieren, die Kunst der Intrige hat der „Spätgeborene“ (Kohl über Kohl) vom ehemaligen Kölner Oberbürgermeister übernommen. Beide besaßen ein enormes Namensgedächtnis. Wer sich einmal gegen sie gestellt hatte, durfte nicht auf Gnade hoffen.

Erst Hinweis, dann Fallbeil

„Fischig“ habe sich Adenauer gegenüber Abtrünnigen verhalten, schreibt Schwarz. Kein Händedruck, kein freundlicher Smalltalk, dann vor der nächsten Gremiensitzung, dem nächsten Parteitag ein Hinweis, und das Fallbeil fällt. Als der Bezirksvorsitzende Kohl 1965 die „Regenerationsfähigkeit“ der CDU einfordert, reagiert der greise Parteivorsitzende unwillig. Seinen Pfälzer Kritiker hält er ohnehin für zu jung und zu laut. Adenauer hat 14, Kohl 17 Jahre regiert. Schwarz, der „konservative Anarchist“ (FAZ), schrieb auch ein Buch über Kohl. Es kommt allerdings mit 1000 Seiten aus.

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