Kultur : Schwarze Silhouetten

Politik der Körper: Zwei furiose Solos eröffnen das brasilianische Tanzfest Move Berlim im HAU

Peter Laudenbach

Der Tänzer ist zunächst nicht mehr als eine schwarze Silhouette vor hell angestrahlten brasilianischen Nationalflaggen. Eine Stimme aus dem Off ruft und singt zum treibenden Rhythmus des Percussionisten immer wieder eine rätselhafte Parole: „Schwarzes Fleisch ist das billigste auf dem Markt!“ Der Tänzer löst sich aus seiner Erstarrung und stellt seinen Leib aus, das „schwarze Fleisch“. Die Verbindung zwischen Rassismus, Ausbeutung, Kunstproduktion und Stolz, könnte nicht abgründiger sein. Luiz de Abreu thematisiert mit seinem Solostück „O Samba do Crioulo Doido“ („Der Samba des verrückten Negers“) rassistische Stereotypen vom sinnlichen Schwarzen.

Höhnisch bedient er Samba-Klischees, um sie gleich darauf abrupt, auch komisch zu brechen – zum Beispiel indem er sich die Flagge zwischen seine Pobacken klemmt und wie im Triumph hinter sich herzieht. Oder indem er sein nacktes Glied minutenlang wie eine Schlange vor sich herschleudert oder es in seinem Hodensack zum Verschwinden bringt.

Luiz de Abreus furioses Solo eröffnete neben einem Solo von Wagner Schwartz am Freitag im Berliner Hebbel am Ufer „Move Berlim“, das zum zweiten Mal stattfindende Festival des zeitgenössischen brasilianischen Tanzes. Glücklicher, programmatischer, auch politischer kann man sich einen Auftakt nicht wünschen. Welche Bedeutung „Move Berlim“ zukommt, machte der prominente Schirmherr deutlich: Sérgio Mamberti, einer der populärsten Schauspieler Lateinamerikas und als Staatssekretär im brasilianischen Kulturministerium Mitglied der linken Regierungsmannschaft Lula da Silvas, hielt eine Rede, die nichts mit gestanzter Politiker-Rhetorik und viel mit der von Lula ausgelösten Aufbruchsstimmung zu tun hat.

Dass sich der neue brasilianische Tanz, weit entfernt von jeder FolkloreVorstellung, unmittelbar in diesem Kontext verortet, machte das erste Solo des Abends deutlich. Wagner Schwartz spielt darin ironisch mit den Heroen der europäischen Avantgarde. Der Titel: „wagner ribot pina miranda xavier le schwartz transobjeto“. Wie beim Konzeptkünstler Jérôme Bell verweisen Schriftzeichen auf Referenzsysteme – nur ist das unmissverständlich politisch konnotiert, böser und bitterer als bei den selbstgenügsamen Spielen der europäischen Postmoderne. Wenn Schwartz, ein beeindruckender, tief berührender Tänzer, sich selbst fesselt, auch er nackt, und tief gebückt vor dem Publikum verharrt, ist das ein deutlicher Verweis auf Repression. Das ist spröde, hart, tieftraurig und, weil die Bitterkeit immer wieder ironisch und verspielt aufgebrochen wird, weit entfernt von plakativer Programmatik.

Move Berlim - bis 17.April im Hebbel am Ufer, Infos unter www.moveberlim.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben