Kultur : Schwarze Wolke Wut

Gewalt in der Ehe: der Film „Öffne meine Augen“

Christina Tilmann

Einmal tanzt sie mit ihrem kleinen Sohn auf der Hochzeit ihrer Schwester. Da ist ein Funkeln, ein Schwung, da ist Leben in ihr. Doch dann sitzt sie wieder am Tisch, beim Abendessen, und alles ist tot. Und einmal, das ist dann allerdings schon etwas sehr offensichtlich, soll sie im Museum ein Bild erklären, vor einer Touristengruppe. Sie spricht von Farben, von Struktur: Und ihr ganzer Körper strahlt.

Pilar ist eine Gefangene – eine Gefangene ihrer Angst. Nicht von ungefähr sieht man sie gleich zu Beginn des Films, wie sie mit ihrem gewalttätigen Mann durch eine Türöffnung spricht. Die Gitter trennen sie. Er ist – zu ihrer Sicherheit – ausgesperrt. Aber sie ist auch eingesperrt. Die Schauspielerin Laia Marull, die für ihre Darstellung mit dem Goya, dem höchsten spanischen Filmpreis, ausgezeichnet wurde, lässt ihren ganzen Körper von diesem Eingesperrtsein sprechen, verkrampft, verschlossen, verschreckt. Sie ist schmal, zerbrechlich wie ein Vögelchen und innerlich so erfroren, dass man ihr die Ausbrüche von Lebenslust fast nicht mehr glauben mag.

„Te doy mis ojos“ lautet Iciar Bollains in Spanien umjubelter Film im Original (deutscher Verleihtitel: Öffne meine Augen). Ein Spiel, das Pilar mit ihrem Mann in guten Zeiten spielt: Ich gebe dir meine Augen, meine Nase, meine Beine, alles, was ich habe, ich liebe dich. Denn da ist Liebe zwischen beiden, momentelang eine ganz irrwitzige, leuchtende, große Liebe, und das macht die Sache so schwer. Denn daneben ist Gewalt, Wut, Unbeherrschtheit, und viel, viel Angst. Sie habe erklären wollen, warum Frauen immer wieder zu ihren gewalttätigen Männern zurückkehren, erklärt die Regisseurin die Idee ihres dritten, kargen, großartigen Films. Weil sie immer hoffen: Vielleicht ändert er sich ja doch.

Wie ein Pendel bewegt sich der Film hin und her: Hoffnung und Gewalt, Flucht und Liebe, auf und ab. Das trägt erstaunlich lang: Weil der Film nicht nur von Gewalt in der Ehe erzählt, sondern von dem von beiden Partnern ersehnten Ende der Gewalt. Und weil er mit der Hoffnung des Zuschauers spielt. Man glaubt Antonio (Luis Tosnar, bekannt aus „Montags in der Sonne“) seinen Wunsch, sich zu ändern, weil man es glauben will, man glaubt es schon deshalb, weil er einfach bezaubernd sein kann: zärtlich, liebevoll, sensibel. Die beiden picknicken am Ufer von Toledo, er macht ihr Geschenke und Komplimente. Und dann kommt die Wut wieder, eine schwarze Wolke, und der Film steht still, hält den Atem an, während Antonio in die Tür tritt und schweigt. Am Ende kann Pilar sich lösen. Eine Befreiung ist das nicht. Sondern eine Niederlage.

In Berlin in den Kinos Eiszeit, Neue Kant Kinos und Hackesche Höfe (OmU)

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