Kultur : Schwarzer Messias

Repräsentativ oder provokant? Jüdisches Leben und jüdische Kunst – zwei Ausstellungen in Berlin

Kerstin Decker

Zwei Ausstellungen, nah beieinander, aus scheinbar verschiedenen Welten. Jede Generation hat ihre Eigenwelt. „Re-Generation“ heißt die bunte, provokante Kunst-Schau der Künstlergruppe „Meshulash“ im AltenTelegraphenamt am Monbijoupark. Re-Generation, Erneuerung? Gegenüber im Centrum Judaicum ehrt eine Fotoausstellung Heinz Galinski, der am 28. November vor 90 Jahren in Marienburg/Westpreußen geboren wurde. Ende der 30er Jahre folgte der Textilverkäufer Galinski seinen Eltern nach Berlin. Damals nahm eine junge Berliner Jüdin gerade den umgekehrten Weg. Helga Simon, die spätere Fotografin, floh nach Ostpreußen. Nach dem Krieg lernten sie sich in Berlin kennen – Galinski (der mit seiner Mutter und seiner Frau in Auschwitz war und allein zurückkehrte) und Helga Simon. Sie wurde die Chronistin des Jüdischen Gemeindelebens in Berlin seit 1952. Einer Minderheit also, von der damals viele glaubten, dass es sie gar nicht mehr geben könne, nicht mehr geben solle.

Es war wohl eine Mehrheit, die nach dem Krieg so dachte. Heinz Galinski glaubte das nie. Er glaubte ans Dableiben, das ein Wiederkommen und Öffentlich-Werden sein sollte.

Die Stationen dieses Öffentlichwerdens und Wiederkommens zeigt nun das Centrum Judaicum. Die Einweihung des Gemeindehauses in der Fasanenstraße 1959: ein Markstein. Wir sehen Galinski mit dem Bundespräsidenten Heuss und Shimon Perez, mit Vertretern zionistischer Organisationen, mit jüdischen Flüchtlingen aus der DDR. Galinski beim letzten deutsch-deutsch-jüdischen Treffen vor der Trennung der jüdischen Gemeinden in West und Ost 1953.

Vor allem aber ist die Ausstellung ein fotografierter Festkalender. Insofern gleichen die Bilder Familienfotos: gedeckte Tafeln mit Gästen. Doch gibt es Auffälligkeiten. In den 50ern blieb die Gemeinde eher unter sich, 1965 beim Purimfest sitzen plötzlich Bubi Scholz und Harald Juhnke neben dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde. Galinski, eine Ausstellung im Repräsentantensaal.

„Meshulash“ würde wohl nie in einen Repräsentantensaal gehen. Repräsentiert diese jüdische Künstlergruppe nicht das Nicht-Repräsentierbare? Dabei will sie, gegründet 1991 nach dem „Pogrom von Rostock“, genau das, was auch Galinski wollte: Öffnung in die Gesellschaft. Wie viel Öffnung soll sein, wie viel Eigensinn? Wer definiert, was jüdisches Leben, jüdische Kunst heute ist?

Zwei Männerakte, der eine vor blauen Hauswänden auf einer Ledersesselkante hockend. In den Bildmitten jeweils der adamitische Teil – mal beschnitten, mal unbeschnitten. „Eine Beschneidung macht noch keinen Juden", hat Sigurd Wendland seine fleischesfrohen Studien genannt. Schwer zu sagen, ob Heinz Galinski diese Form der Identitätssuche gemocht hätte. Vielleicht hätte er nicht mal den „Einzug des Messias in Berlin“ verstanden. Hier sind nicht die Häuser blau, sondern der kleine Esel ist es, auf seinem Rücken der schwarze Messias mit den weißen Armen. Schwarz mit weißen Armen. Was sollen wir daraus lernen? Es gibt keinen Messias? Niemand schaut ihn an. Man kennt das. Aber vier Selbstgerechte, ganz grün im Gesicht, trennen vorsichtshalber, wie eine Mauer, den Messias von der Stadt. Der Maler Gabriel Heimler spielt mit der Form des Triptychons. Warum nicht auf einem Seitenflügel nur den Unterleib eines Flügelwesens und Flügelspitzen malen? Auch an wenigem muss man die Rettenden erkennen.

„Re-Generation“. Die Thora ist eine einzige (Re-)Generationsgeschichte. Darum gibt es bei „Meshulash“ (hebr. Dreieck) die „Thora today“. Alte Zitate mit neuen Bildern. „Das sind die drei Söhne Noahs, von ihnen kommen her alle Menschen ...“ Darunter sind Mick Jagger, Keith Richards – wirklich schwer zu sagen, ob Heinz Galinski diese Ansichten zur Re-Generation geteilt hätte.

Überhaupt haben Repräsentanten öfter Probleme mit den Jungen. So wie der jüdische Repräsentant Arno Hamburger mit der jüdischen Kunst der Berlinerin Anna Adam. Hamburger fand sie (bei ihrer Fürther Ausstellung im Frühjahr) antisemitisch. Denn Anna Adam hat „Feinkost Adam“ erfunden, ein integriertes jüdisches Kaufhaus mit Katalog: vom Bastelset „Jüdischer Alltag leicht gemacht“ bis zum „Golemkabinett auf dem Dachboden". Für alle, die immer schon wissen wollten, wie Juden leben! Repräsentant Hamburger verstand das nicht. Dabei, die Ausstellung zeigt es, haben viele Jüngere dasselbe Problem: Ghettos können sehr verschieden sein. Disneyland ist auch ein Ghetto; steht eine Minderheit nicht immer in der Gefahr der Disneylandisierung? Dagegen wehrt sich Anna Adams „Feinkost“-Kaufhaus. Und nun hat sie auch noch eine riesige jüdische Mame in Öl gemalt, die fast aussieht wie Jimi Hendrix.Mit Sonnenbrille!

Aber etwas gibt es bei „Meshulash“, das Heinz Galinski ohne Zweifel gemocht hätte: Den Kinderchor der Berliner Heinz-Galinski-Schule mit dem schönen (Re)-Generationen-Lied „Noch ist die Kette nicht gerissen.“

„Re-Generation“,, Altes Telegraphenamt, Monbijoustr. 1. Finissage 24.11. mit J.Rebling 19 Uhr. – Galinski-Ausstellung: Centrum Judaicum, Oranienburger Str., bis 28.11.

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