Kultur : Schwarzer Süden

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Helmut Böttiger über historisch gewachsene Gegensätze

In den Südstaaten leben die Schwarzen. Sie haben eine ganz eigene Kultur: eine besondere, improvisierende Blasmusik, die zu überraschenden eruptiven Ausbrüchen in der Lage ist, eigene Tänze und religiöse Riten, vor allem aber sind sie in gesellschaftlichen Fragen meist unberechenbar. Im Süden leben die Querköpfe und Underdogs, sie blasen das Saxophon und die Trompete, das Bandoneon und die Ziehharmonika, und am liebsten bleiben sie in ihrer eigenen Familie und kümmern sich kaum darum, was auf der abstrakten politischen Ebene passiert.

Kein Wunder, dass der Sieg der Nordstaaten gegen die Südstaaten die entscheidende Wende in der Entwicklung der USA brachte und der Weg zur Weltmacht frei war. Dem Süden blieben fast nur der Blues und der Free-Jazz. Das Pendant in Mitteleuropa war der Krieg von 1866 zwischen Preußen und den deutschen Südstaaten samt Habsburg: wäre dieser Krieg anders ausgegangen, hätte die deutsche Geschichte einen radikal anderen Verlauf genommen. So aber entstand ein preußisch-großdeutsches Reich, und es ist kein Wunder, dass es im Süden immer gärt.

Die Bundestagswahlen haben gezeigt, dass der alte Nord-Süd-Gegensatz viel schwerer wiegt als der neue von Ost und West. Denn zwischen Magdeburg und Braunschweig, zwischen Hoyerswerda und Paderborn dringen die Gemeinsamkeiten langsam wieder an die Oberfläche: Die SPD ist fast überall gleich stark, und die PDS hat nicht den Hauch einer Chance, eine CSU des Ostens zu werden. Ein kurzer Blick auf bayrische Zahlen genügt: Die schönsten aktuellen Zweitstimmenergebnisse vermelden der Wahlkreis 228 Deggendorf (CSU: 70,9 Prozent), der Wahlkreis 232 Straubing (CSU 72,3 Prozent) und der Wahlkreis 231 Rottal-Inn (CSU 72,8 Prozent). Und die wählen das freiwillig! Und zwar nicht mit dem Gefühl, benachteiligt zu sein, sondern mit stolzgeschwellter Brust und selbstbewusst! Nur noch Baden-Württemberg kann da mithalten, auch wenn die 54,2 Prozent für die CDU im Wahlkreis 293 Biberach vergleichsweise läppisch anmuten. Aus dem Osten möchten vielleicht die Sachsen dazugezählt werden, doch es zeichnet sich jetzt schon ab, dass sie über ihre historische Rolle eines Zwischenstaates auch jetzt nicht hinauskommen werden.

Das Anarchistische in der Seele des Südens hat etwas mit dem Individuum zu tun und nichts mit dem Staat. Nirgends gibt es so viele Kabarettisten wie in Bayern, nirgends sonst ist ein Achternbusch denkbar oder ein Karl Valentin. Letzterer hat sein Bier in denselben Wirtschaften getrunken wie Franz Josef Strauß; dass sie demselben Stamm angehören, ist offenkundig. Und wenn der Hass gegeneinander auch noch so tief ist: er hat die tiefste Wurzel in einer Gemeinsamkeit, an die niemand im Norden heranreichen kann.

Schröder, der alte Preuße, wird auf den Süden aufpassen müssen. Denn vielleicht droht von hier die größte Gefahr. Im Süden sind die Grünen oft genauso stark wie die SPD, in Baden-Württemberg bekommen sie seit jeher zweistellige Ergebnisse (diesmal immerhin 11,4 %), und wenn sich irgendwo die erste schwarzgrüne Koalition anbahnen sollte, dann hier. Dann wäre der 1866er Krieg nachträglich doch noch gewonnen.

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