Kultur : Schwarzfilm: Siegt das Kino sich zu Tode?

Jan Schulz-Ojala

"Alles bestens (wir verschwinden)", so heißt ein kleiner französischer Film, der in zwei Wochen ins Kino kommt. Sein widerborstiger Titel passt merkwürdig perfekt zur derzeitigen Situation des Kinos in Deutschland. Alles bestens, sagt die Momentaufnahme, die die Filmförderungsanstalt soeben für das erste Dreivierteljahr 2000 veröffentlicht hat: mehr Filme, mehr Leinwände, mehr Zuschauer. Die Kino-Branche, das Paradepferdchen in einer Welt, die überall auf das "Mehr, mehr, mehr" schaut?

"Wir verschwinden", flüstert der Titel aber auch zwischen Klammern hinterher - und, so paradox es anmuten mag, gerade dafür bietet die neue Statistik Belege. So sind zwar, deutscher Rekord, bis Ende September mit knapp 350 Filmen so viele wie sonst in einem ganzen Kalenderjahr ins Kino gekommen - aber auch der Konkurrenzkampf ist erbarmungslos wie nie zuvor: erst um die Aufmerksamkeit der Medien, dann um Kinosäle, schließlich - und wichtigstens - um die Zuschauer. Woche für Woche drängen mindestens ein Dutzend neuer und vielfach sehenswerter Filme ins Kino. Ein Angebot, das selbst die hartgesottensten Filmfreaks kaum mehr bewältigen können.

Kino ist Kunst. Und Entertainment. Grundsätzlich gesprochen, kann es niemals zuviel davon geben. Schlimm ist das Gegenteil: Zensur zum Beispiel in Staaten, die bestimmen wollen, was ihre Bürger - nicht - sehen sollen. Doch auch der freieste Markt kann zu einem Kollaps führen, an dessen Ende eine andere Art von Schwarzfilm steht. So verschwinden viele neue Werke, kaum dass sie ins umkämpfte Kino gelangt sind: Nicht nur die Kleinen fegt dann schon mal die nächste Welle weg. Was bringt da die legendäre Mundpropaganda, wenn die Disponenten, die Verleiher im Nacken, den schönen Film gleich wieder aus dem Kino kicken müssen?

Auch Filme sind Lebewesen, auf ihre Weise. Aber statt sich entwickeln zu können auf einem nicht übersättigten Markt, wappnen ihre Erfinder und Profiteure sie schon vor der Geburt mit allem, was sie zum kurzen Überleben brauchen. Ohne den Tropf der Werbeindustrie, ohne die Hege im Brutkasten der Big Player kriegen sie keine Luft. Aber: Atmen die so gepäppelten Filme eigentlich - und, wenn ja, wären wir hektische Konsumenten überhaupt noch in der Lage, dies wahrzunehmen? "Weggucken" nennen wir längst die zeitgemäße Art, Filme verschwinden zu lassen in der Erinnerung. Dabei geht es doch: ums Hingucken. Ums Sehen.

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