Kultur : Schwarzmalerei mit Schwarzplänen

„Die gezeichnete Stadt“: Senatsbaudirektor Hans Stimmann dokumentiert den Abriss Berlins in Ost und West

Bernhard Schulz

Eigentlich produziert man ein solches Buch als Festschrift. Ein gebundenes Buch, auf vorzüglichem Papier gedruckt, eingelegt in eine 35 mal 47 Zentimeter messende Kassette, aus der sich 22 doppelt gefaltete Stadtpläne samt Register herausheben lassen.

Eine solche Festschrift erhielte dann ein Stadtbaurat zum Abschied überreicht oder, der Pläne wegen, ein Verkehrsdezernent. Wenn man nicht gleich an die Kaiserzeit zurückdenken will – etwa wegen des Gebäudes, in dem diese Kassette jüngst vorgestellt wurde, dem Dienstsitz des Senatsbaudirektors in der Behrenstraße –, dann müsste die Szene in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg spielen, und der Jubilar wäre mit sich und der Welt im Reinen.

Das glatte Gegenteil ist hier der Fall. Nobel wirkt die schwarz gewandete Kassette, doch was sie birgt, heißt nicht nur in der Fachsprache der Stadtplaner „Schwarzpläne“, sondern verbreitet auch ein düsteres Bild: das der Entwicklung Berlins. „Schwarzpläne“ zeigen den Grundriss der Stadt in der vereinfachten Form bloßer Flächen: Wo ein Gebäude steht, wird es schwarz markiert; wo das Grundstück brach liegt, erscheint auf dem Plan – nichts. Was sich mit Schwarzplänen besonders anschaulich zeigen lässt, ist der Zuwachs an gebauter Substanz – oder aber ihr Verlust.

Mit diesen Schwarzplänen hat Senatsbaudirektor Hans Stimmann vor zwei Jahren auf der Architekturbiennale von Venedig Furore gemacht. Erstmals präsentierte er – als deutschen Beitrag in diesem doch stets der Zukunft zugewandten internationalen Wettstreit – die bauliche Entwicklung Berlins in der unwiderleglichen Gestalt exakter Pläne in fünf Zeitschnitten. Zunächst wurde der Zustand um 1940 gezeigt, also vor dem Beginn der verheerenden Flächenbombardements, dann um 1953, nach der „mechanischen Auflockerung“ des Bombenkrieges, wie der große Nachkriegsarchitekt Hans Scharoun einmal abfällig formulierte. Der dritte Zeitschnitt wurde auf das Jahr 1989 gelegt und dokumentiert die politische Teilung Berlins in ihrem fortgeschrittensten Zustand. Der vierte gab die Gegenwart des Jahres 2000 wieder, und der fünfte stellte eine Projektion auf das Jahr 2010 dar, mit allen derzeitigen Planungen, über deren Realisierung sich allerdings keine Prognosen abgeben lassen.

Die Schwarzpläne beschränken sich der Übersichtlichkeit und Aussagekraft halber auf die Innenstadt, also im weitesten Sinne die west-östliche Erstreckung von City-West zu Alter Mitte. Was sie zeigen und beweisen, ist die erschreckende Tatsache, dass nicht etwa der Weltkrieg der große Zerstörer war, sondern die Baupolitik im halben Jahrhundert danach. In dem Plan, der die Verluste zwischen 1953 und, jetzt aktualisiert, 2002 in farblicher Unterscheidung von der erhalten gebliebenen Substanz belegt, dominieren die verschwundenen Bauten in einem kaum glaublichen Umfang.

Zum ersten Mal, so schreibt es Stimmann in der Nobelausgabe seiner Schwarzpläne, „wurde das Schicksal der Berliner Innenstadt, die nahezu vollständige Auslöschung und der anschließende Neubau auf ca. 30 Quadratkilometern sichtbar gemacht“. Das aber, und (auch) darauf weist Stimmann hin, hat entscheidende Konsequenzen für das Selbstbewusstsein der Stadt: „Abriss und Neubau hatten ein Maß erreicht, dass die Berliner ihr historisches Gedächtnis verloren. Die stadtgeschichtliche Erinnerung fand keinen Halt mehr an vorhandenen Bauten.“ Bewusst trägt die Kassette denn auch den doppeldeutigen Titel „Die gezeichnete Stadt“.

Es war bereits in Venedig deutlich und wird mit der jetzigen Neuausgabe der Pläne (denn natürlich gab es einen, wenn auch weit bescheidener ausgestatteten Katalog des Biennale-Beitrags) gewissermaßen für alle Nachwelt unterstrichen, dass Stimmann über die bloße Dokumentation auf eine Generalabrechnung mit den städtebaulichen Doktrinen der Moderne zielt. Ein gutes Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung ist es Gemeingut geworden, viel stärker die Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West als die früher beidseitig so betonten Unterschiede zu sehen. Eine Gemeinsamkeit liegt in der Abrisswut, eine weitere in der Missachtung des überkommenen Stadtgrundrisses. Der den Schwarzplänen angefügte Verkehrsplan unter dem bezeichnenden Titel „Zerstörung durch Autobahnen und Magistralen – 1965 (West)/1969 (Ost)“ führt vor Augen, welcher Kahlschlag auf beiden Seiten der innerberlinischen Grenze betrieben wurde. Stets stand der alte Kampfruf der Moderne aus der Zwischenkriegszeit nach „Licht, Luft und Sonne“ Pate – und noch stets wurde den Bedürfnissen eines möglichst ungebremsten Autoverkehrs gehuldigt.

Was die Schwarzpläne nicht zeigen können, ist die qualitative Seite der Zerstörung, also Gewicht und Bedeutung der baulichen Verluste. Die Abrisse speisten sich – neben der „Notwendigkeit“ der Schaffung von Straßenraum – aus einem Hass eigener Art: dem auf die überkommene, auf die gestaltete, bürgerliche Stadt, das große Erbe des 19. Jahrhunderts. In Venedig zeigte Stimmann an 40 herausragenden Bauten die Zustände vor dem Krieg (intakt), nach dem Krieg (beschädigt, aber vorhanden und meist auch zu retten gewesen) und schließlich fast durchweg ausradiert und, wenn überhaupt, durch banales Mittelmaß ersetzt. Solche Vergleichsaufnahmen aus den Jahren 1999 bis 2002 als Vergleichszeitpunkt, sind jetzt im Begleitband der Kassette zu finden.

Neu hinzugekommen ist ein Essay des Journalisten Klaus Hartung, der vor allem den verhängnisvollen „Zerstörungskonsens“, wie er ihn nennt, zwischen Ost und West auslotet. Hartung, einer der klügsten Beobachter der deutsch-deutschen Veränderungen um und nach 1989, verfällt nicht in Nostalgie, er weiß, dass das alte bürgerliche Berlin dahin ist. Aber: „Es wächst die Neigung, unbelastet und frei das große Potenzial der Vergangenheit auszuloten.“

Damit ist zugleich die Intention der Schwarzpläne umrissen. Senatsbaudirektor Stimmann entwickelte Mitte der neunziger Jahre das „Planwerk Innenstadt“. Mit diesem Instrumentarium will er die Rekonstruktion der „europäischen Stadt“ bewirken, durch Rückbau und Nachverdichtung, ja an vielen Stellen durch die Archäologie des alten Stadtgrundrisses. Die Zeichen für die Verwirklichung des zum Senatsbeschluss erhobenen Planwerks stehen derzeit nicht gut. Aber zumindest ist ein Maßstab gesetzt, an dem die Lokalpolitik fürderhin gemessen wird.

Konsequenterweise beschließt eine Übersicht über das „Planwerk“ nach dem Stand vom Mai 2002 die Kartensammlung. Nicht für den Senatsbaudirektor – für sein Planwerk ist die Kassette die Festschrift.

Hans Stimmann (Hrsg.): Die gezeichnete Stadt. Die Physiognomie der Berliner Innenstadt in Schwarz- und Parzellenplänen 1940-2010. Nicolai Verlag, Berlin 2002. Kassette mit 22 Plänen und Begleitband, 128 €.

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