Kultur : Schwarzweißblond

Brasilien in Berlin: Frank Castorf zeigt seinen „Anjo Negro“ als Gastspiel an der Volksbühne

Christine Wahl

Zu vorgerückter Stunde ging es mal wieder gegen die Tschechow-Befindlichkeiten der deutschen Theaterszene: Gewichtigere Fragen müssten auf die Bühne, sagte Frank Castorf beim Publikumsgespräch nach seinem brasilianischen Abend „Anjo Negro /Schwarzer Engel“ und kündigte für die nächste Saison Relevantes an. Zum Beispiel Brechts „Maßnahme“. Da kann man nur hoffen, dass das gute alte Lehrstück die Volksbühne aus der Krise katapultiert. Vorerst ist die Sache mit der Neubelebung des Castorf- Theaters nämlich schiefgegangen.

Eine Reanimationsmaßnahme aus dem Geiste der Außenpolitik: An einem Haus wie dem seinen, hatte Frank Castorf kürzlich im „Zitty“-Interview erklärt, ereile einen zwangsläufig „das Problem der deutschen Kaiser“: Entweder man kümmere sich um die Außenpolitik oder um die Fürsten im eigenen Land. Castorf hat sich in großem Stil für Ersteres entschieden und beispielsweise im vergangenen November auf Einladung des Goethe-Instituts mit brasilianischen Schauspielern in Sao Paulo Nelson Rodrigues’ „Anjo Negro/Schwarzer Engel“ erarbeitet. Nach zwei Gastspielen beim „Theaterformen“Festival in Hannover machte der Abend nun Station in der Volksbühne. Oder besser: In Bert Neumanns „Neustadt“ - der vor fünf Jahren ursprünglich für Castorfs Dostojewski-Dramatisierung „Idiot“ entstandenen und entsprechende Erinnerungen weckenden Volksbühnen-City.

Rodrigues thematisiert Rassismus und Machismo auf eine ebenso konstruierte und bedeutungsschwer aufgeladene wie entwaffnend bodenständige Weise: Die weiße Virginia (energisch: Denise Assuncao) wird von dem schwarzen Ismael (Roberto Áudio) wiederholt vergewaltigt und in einer Art Gefangenschaft gehalten, die jegliche Aussicht auf andere – vor allem weiße – Männer verhindert. In derselben Regelmäßigkeit, in der Ismael Virginia hassliebend beschläft, tötet Virginia die daraus hervorgehenden schwarzen Söhne. Dafür zeitigt ihr One-Night-Stand mit Ismaels weißem Bruder Elias (Darcio de Oliveira) eine weiße Tochter namens Ana Maria, die Ismael nun seinerseits blendet, auf dass sie nie seine Hautfarbe und schon gar nicht einen anderen Mann zu Gesicht bekomme. In diesem Punkt verfügt der Patriarch über reichhaltige Erfahrung: Schon Elias hatte er als Kind die Augen mit Salzsäure verätzt. Nachdem auch der blinde Konkurrent tot ist, endet der Abend damit, dass Ismael die barbusige Ana Maria illustrativ im Pool ertränkt.

Um, wie es heißt, den brasilianischen Nationaldramatiker Rodrigues in erhellenderem Licht zu sehen, hat Castorf Virginia, Ismael und Co. die Emissäre der Französischen Revolution aus Heiner Müllers „Auftrag“ zur Seite gestellt. Sie sollen auf Jamaika einen Sklavenaufstand organisieren. „Schwarzer Engel von Nelson Rodrigues mit der Erinnerung an eine Revolution: Der Auftrag von Heiner Müller“ heißt der Abend im Gesamtwortlaut – und zieht sich hin wie sein epischer Titel, obwohl es sich mit knapp zwei Stunden eigentlich um eine ungewöhnlich kurze Castorf-Inszenierung handelt. Statt Erleuchtung ist lediglich Geklapper mit altbekannten Instrumenten zu vermelden. Rassismus und Selbsthass finden ihre Bühnenübersetzung darin, dass die Weißen aus Rodrigues’ Vorlage mit dunkelhäutigen Schauspielern besetzt sind und die Dunkelhäutigen mit weißen. Dazu tragen die schwarzen Darsteller gern blonde Perücken und blütenweiße Kleidchen.

Die brasilianischen Schauspieler führen Castors Auftrag sehr engagiert mit viel Brüllen und Augenaufreißen aus: ganz im Gegensatz zum anarchisch-dekonstruktiven Potential der bewährten Volksbühnen-Crew; zu deren lässigem Neben-der-Rolle-Stehen. Das Setting: ein Favela-Assoziationen provozierender Bretterverschlag, ein Pool, eine revolutionäre Wellblech-Zelle für die Kollegen mit dem „Auftrag“, eine Leinwand für die obligatorischen Live-Übertragungen aus schwer einsehbaren Bühnenwinkeln, ein Ehebett sowie eine Bar mit Tabledance-Stange.

Die ist insofern wichtig, als Castorfs Inszenierung schnell beim Zickenkrieg ankommt: Ana Maria (Janaina Leite) und die böse intrigante Tante (Georgette Fadel), die den Patriarchen gern für sich hätte, winden sich im dritten Akt hochhackig konkurrierend, über blonde Matrosen parlierend und von der Kamera umgarnt, um die Stange herum. Die wahnsinnige – männerlose – Kusine ist zu diesem Zeitpunkt schon aus dem Spiel: Irina Kastrinidis hatte sich über weite Strecken des Abends eine Wassermelonenhälfte zwischen die Beine gehalten und – unterbrochen von obsessiven Rumpelstilzchen-Sprüngen – in Hochgeschwindigkeit das Fruchtfleisch aus dem Obst herausgekratzt.

Jetzt freuen wir uns – ohne Ironie! – auf die „Maßnahme“.

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