Kultur : Schweden schimmelt

Hunde, wollt ihr ewig wedeln? Wie so viele ihrer Artgenossen bekämpft auch die dreijährige Hilda den global agierenden Feind mit froher Hingabe. Doch wo Hildas europäische Kollegen eher auf Sprengstoff, Minen oder Kokain anschlagen und amerikanische Doggies Lebensmittel erschnüffeln, fahndet die schwedische Spezialhündin nach einem Zersetzer der anderen Art. Hilda ist Schimmelspürhund. Auf Helden wie Hilda lastet es derzeit, Schweden vor der zerstörerischen Gefahr zu retten, die seine Kultur bedroht. Zentrale Einrichtungen sind betroffen. Die Lage ist ernst.

Schwindelgefühle, Augenrötung, Atemnot, diese klassischen Symptome ästhetischen Erfahrens mußte der Stockholmer Kulturfreund zunächst auf Picassos, Miros oder Sandbergs künstlerisches Wirken zurückführen. Dann aber, vor exakt einem Jahr, steckten Hilda und Kollegen ihre Nasen in das frisch errichtete Moderne Museum der schwedischen Hauptstadt. Wedelten erst hier, dann da, und schließlich überall im 50 Millionen-Euro Prestigebau. Vom Fundament bis ins Ventilationssystems waren Feuchtigkeit und Sporen eingesickert. In dem sorgsam isolierten Kulturklima des Baus fand der Schimmel dann optimale Wachstumsbedingungen.

Einmal in der Gegend, schnüffelten sich die Fahnder gleich weiter ins benachbarte Architekturmuseum. Auch dort Schimmelbefall, so weit die Schnauze reichte. Es war eine Katastrophe. Kunst und Kulturmensch wurden schleunigst von Skeppholm evakuiert. Wer heute die traumhaft gelegene Kulturinsel im Herzen Stockholms besucht, steht vor verschlossenen Toren.

Doch stehen die beiden Museen mit ihrem Schimmelproblem nicht allein. Schon klagen Nationalmuseum sowie Königliche Bibliothek. Tatsächlich steht jeder zweite Neubau des Landes in Gefahr. Das moderne Schweden wird von seinem Schimmelängsten buchstäblich zerfressen.

Und wer als bekümmerter Tourist von Skeppsholm auf die Nachbarinseln Djurgarden übersetzt, den erwartet im Vasa Museum eine weitere erschütternde Nachricht. Auch dem prächtigen Vasa-Kriegsschiff nämlich, 333 lange Jahre von schwefelndem Hafenschlamm umspült und nie von Meereswogen attackiert, da es bereits beim Stapellauf sank, naht nun unwiderruflich sein organisches Ende. Selbst der identitätstheoretische Fluchtpunkt der Nation löst sich also langsam und sicher in feuchter Luft auf. Machtlos steht die einstige Großmacht den Ursachen dieses Zerfalls gegenüber. In einer Sonderausstellung werden die Besucher bereits mit philosophischen Spruchweisheiten auf den eigenen Untergang eingestellt. "Alles, was beginnt, wird eines Tages enden" heißt es da.

Tatsächlich stellen die eigentlichen Ursachen für diesen biologischen Angriff auf die innere Sicherheit eine Art kulturklimatisches Paradox dar. Schwedens Schimmelprobleme nämlich sind vorrangig die Folge von isolierenden Schutzmaßnahmen. Gerade in vergleichsweise kalten Kulturen zeichnen sie für einen mangelnden Austausch zwischen Außen und Innen verantwortlich. Irgendwie, und sei es durch die kleinsten Ritzen, dringen die Sporen der Außenwelt aber doch ein und befördern im vollautomatisch abgedichteten Museumsklima, vorgeblicher Garant des Kulturschutzes, dann rasend schnell den Zerfall im Inneren. Die Konsequenzen solch unbedachter Isolierungstaktik für die Volksgesundheit sind dabei allgemein bekannt. Sie können von allergischen Reaktionen bis zu schweren zu Gedächtnis- und Sprachstörungen reichen.

In Stockholms Modernem Museum - und nicht nur dort - ist er deshalb noch immer in vollem Gange: jener gnadenlos und heikel zu führende Häuserkampf bis in die kleinste Ecken und Enden. Wie Kenner der hiesigen Schimmelszene mahnen, könnten bis zu seinem erfolgreichen Abschluss, wenn überhaupt, noch Jahre vergehen.

Aber Schweden wäre nicht Schweden - und die Moderne nicht schon lange Postmoderne - wenn dies Scheitern nicht auch als Chance erkannt worden wäre. Ganz im Sinne der feindlichen Sporentaktik nämlich - vom Schimmel lernen heißt, fliegen lernen - werden die modernen Kunstschätze jetzt in so genannten "Guerilla-Aktionen" über das ganze Land verstreut. Bei derart einfallsreichem Transfer fehlt zur Rettung des Landes eigentlich nur noch eine Hundestaffel für akuten Kulturbefall - samt inoffiziellem Rollkommando.

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