Schwedter Straße : Geschlossene Gesellschaft im Townhouse-Quartier

Die Schwedter Straße ist die perfekte Straße zum Wohnen – man ist mittendrin und dennoch ist es ruhig. Auch hier entstehen Stadthäuser. Nachdenken über eine neue Wohnform.

Jennifer Lynn Erdelmeier

Die Schwedter Straße windet sich durch Mitte und Prenzlauer Berg und teilt die beiden Bezirke voneinander. Als Fußgänger ahnt man nicht, wo sie anfängt und wohin sie führt. Vielleicht hieß sie deshalb ursprünglich „Verlorener Weg“. Streckenweise verlief die Mauer an ihrer Seite. Es ist eine ruhige Straße, die von großen Bäumen gesäumt wird. Für den Prenzlauer Berg-Flaneur bietet sie wenig – keine Designer-Geschäfte, keine Bars, nur einige Restaurants. Das braucht die Straße auch nicht, denn all dies gibt es in der Kastanienallee um die Ecke. Die Schwedter Straße ist die perfekte Straße zum Wohnen – man ist mittendrin und dennoch ist es ruhig.

Bis auf den Baulärm. Hier entsteht gerade das Großwohnprojekt Marthashof. Neben den Prenzlauer Gärten in Friedrichshain oder dem Townhouse-Quartier am Friedrichswerder versucht auch dieses Projekt, ein Stück Stadt für die Bewohner und Bürger zurückzuerobern. Und ist dabei nicht unumstritten. Einst war Marthashof eine Einrichtung der Kaiserswerther Diakonie und bot Unterkunft für junge Mädchen, die in die Stadt zogen, um Arbeit zu finden. Im Krieg wurde der Hof zerstört, das Areal lag jahrelang brach. Unter dem Titel „Urban Village“ gruppieren sich nun drei Bauvolumen im Rohbau, die Portalbauten, Stadt- und Gartenhäuser miteinander vereinen sollen, in der Mitte eine großzügige Fläche. Dort soll der Gartenhof entstehen.

Laut Projektbeschreibung soll ein neues Wohnangebot für Familien und anspruchsvolle Interessenten geschaffen werden. Der Stadtflucht soll ein Ende gesetzt werden. Die neuen Wohnformen sollen die Vorzüge grüner Vorstadtlagen mit innerstädtischer Wohnqualität vereinen. Eine Anwohnerinitiative Marthashof hingegen, die seit Jahren gegen die Gentrifizierung des Viertels kämpft, spricht angesichts von Verschattung und viel Beton von neuen Mauern und Ausgrenzung.

Architektonisch ist der Entwurf durchaus anspruchsvoll. Durch umfassende Gebäudesanierungen im Prenzlauer Berg sind überall glatte, uniforme Fassaden entstanden. Die Architektur der neu entstehenden Townhäuser versucht, der Stadtmitte diese verlorene Komponente durch persönliche Fassaden zurückzugeben. Mithilfe großer Fenster und Loggien, die Einblicke ins Innere gewähren. Durch Spielplätze, Sitzecken und Wasserspiele soll der Gartenhof eine Begegnungsstätte für Bewohner und Anwohner werden. Allerdings wird der Garten nur tagsüber öffentlich sein, nachts werden die beiden Tore, die den Garten flankieren, geschlossen. Das kennt man auch von den Hackeschen Höfen.

Marthashof ist jedoch nicht das einzige Wohnexperiment. Gleich nebenan liegt der Kastaniengarten. Auch hier handelt es sich um ein Konglomerat verschiedener Wohnformen, wie Geschosswohnungen, Town- und Atelierhäuser. Allerdings signalisieren das große Tor und die Videokameras eine gewollte Abgrenzung. Das Areal fällt durch ungewöhnliche Strenge und Sauberkeit auf.

Die formalen Baukörper präsentieren sich wechselweise mit schwarzer und weißer Fassade. Der Wohnweg ist zu schmal für Bäume oder Hecken, es gibt nur winzige Grünflächen neben den Hauseingängen. Der Ort wirkt leblos, Menschen sind kaum zu sehen. Obwohl sich neben dem Eingang ein kleiner Spielplatz befindet, schwirren keine Kinderstimmen durch die Luft. Die Fensterscheibe der Gewerbeeinheit zur Straßenseite wurde schon mehrmals eingeworfen. Vielleicht sind die Bewohner deshalb scheu und zurückgezogen. „Es gibt viele Neider hier“, sagt einer.

Heinrich Zilles Wort „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt“ ist heute noch aktuell. Anstatt sich in die privaten Höfe zurückzuziehen, sollten deshalb innerstädtische Wohnbauten gerade durch ihre Architektur Position beziehen. Eine Verschmelzung von Leben, Arbeit und Freizeit, wie sie das Projekt Marthashof anstrebt, kann zu neuer Gemeinschaftlichkeit führen – oder zu einem Biotop für Besserverdienende.

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