Kultur : Schweigekünstler

Silvia Hallensleben

Ein guter Held ist auch im Dokumentarfilm die Hauptsache. Beim Publikum kommen die Helden noch besser im Doppelpack an. Auch Volker Koepp durfte das vor ein paar Jahren erfahren, bei seinem bisher größten Publikums-Erfolg "Herr Zwilling und Frau Zuckermann", dessen Dramaturgie wesentlich vom Zusammenspiel des ungleichen Duos zehrte. Auch für "Uckermark" hat er wieder ein Traumpaar gefunden, zwei ehemalige LPG-Bauern und Vereinigungsverlierer, die sich vor der Kamera mit karger Lakonie die Kugeln zuspielen. Seinen dramaturgischen Höhepunkt erreicht ihr Auftritt in einer minutenlangen und mit kunstvoller Rhetorik durchgearbeiteten Verweigerung der Aussage.

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Aber dann reden sie doch: Die Sache ist unspektakulär, es geht um verweigerte Entschädigungszahlungen. Und es ist der Kunstfertigkeit und dem Durchhaltevermögen des Dokumentaristen zu danken, dass es zu solcher ausdauernden Nicht-Action auf der Leinwand überhaupt kommen kann. Es ist aber auch Volker Koepps filmische Redlichkeit, dass das tragikomische Paar in seinem Film nur am Rande vorkommt. Schließlich geht es, wieder einmal bei Koepp, um eine ganze Landschaft, die Uckermark, jenes dünnbesiedelte Hügelland zwischen Müritz und Oder, wo Berliner ihr Wochenende verbringen, sonst aber nicht viel passiert.

Ein Heimatfilm also? Der Regisseur begrüßt sein Publikum mit zart verdrehten, ländlich-volkstümlichen Klängen: als spielten slowakische Straßenmusikanten unter einer deutschen Dorflinde zum Tanz auf. Ähnlich ist auch der Ton des Films, wohlwollend, doch mit einem schrägen Lächeln um die Lippen. Oder ist das nur unsere hilflose Reaktion auf das skurrile Nebeneinander von absurden Beschäftigungs-Maßnahmen und den idealistischen Aufbau-Bemühungen des rückkehrenden Landadels? Denn ein eigentlich schon abgeschlossen geglaubtes Kapitel der Geschichte wird neu erzählt. Da sind die von Arnims, denen vor der DDR-Bodenreform ein großer Teil der heutigen Schlossruinen samt zugehörigen Ländereien gehörte: sympathische Leute, die nicht als Eroberer anreisen, sondern mit einem Verantwortungsgefühl, das in diesen Kreisen stillheimlich überlebt hat. Von Aufgaben ist die Rede, von der inneren Beziehung des Einzelnen zu "seiner Landschaft", davon, alles "wieder schön zu machen". Vom Familienvermächtnis auch. Freundlich unheimliche Wesen, diese älteren Herrschaften, wie sie mit Bluse, Blazer, Halstuch und unerschütterlichem Weltbild über den Acker stapfen, um noch einmal etwas zu bewegen.

Nebenan werden ehemalige Betonwerkerinnen über die Felder geschickt, um die - archäologischen - Fundstücke danach im Bauwagen zu sortieren. Täten sie das nicht, wären sie arbeitslos. Auch so sind es schon 20 Prozent. Und die neuen Gutsherren brauchen kaum Arbeiter für die Galloway-Rinderzucht. Dennoch ist "Uckermark" keine bittere Wende-Abrechnung. Koepp zeigt den Willen zum gemeinsamen Weiterkommen, so bei einem anderen Herrn von Arnim, der gemeinsam mit der alten Belegschaft ein Futtermischwerk betreibt. Von einem Sozialisten musste der 84-jährige Aristokrat die Marktwirtschaft erlernen. "Eine Gegenwart gibt es nicht, aber vielleicht eine Zukunft", sagt er.

Und dann gibt es da noch jene Szene, in der der alte Arnim auf einen Punk trifft, den er beherbergen will. Trotz gegenseitigem Wohlwollen reden beide nur aneinander vorbei. Der Junge will seine Konflikte mit den Neonazis erzählen. Der Alte versteht kein Wort und plädiert für Toleranz - gegenüber den Langhaarigen. Eine prägnante Schluss-Sequenz. Koepp war sie vermutlich zu pessimistisch. So geht der Film noch einige Minuten hin. Ohne sie wäre es würziger gewesen.

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