Kultur : Schweigen gehört zum Handwerk

Steinerne Gäste der Politik: die SPD, die Intellektuellen und das Dilemma der Einmischung

Rüdiger Schaper

Im Neuwahlkampf kommt es darauf an, alte Platten neu aufzulegen. „Blowin’ in the Wind“, hat Hans Eichel mal verraten, sei sein Lieblingslied. Nun kann man den Dylan-Heuler recht unterschiedlich interpretieren – als Bürgerrechtsmanifest, als Protestsong, als fatalistische Hymne. Es klingt, wie man es dreht und wendet, immer ein wenig nach gestern und Abschied. Nach der guten alten Zeit, wenn es sie denn je gegeben hat, in der ein Schriftsteller ein kritischer Intellektueller war, in der die Intellektuellen ab ovo Linke waren und ein Sänger schlechterdings nichts anderes sein konnte als ein Protestsänger.

Wer hängt sein Mäntelchen in welchen Wind? Ein anderer Bob-Dylan-Klassiker, der vor genau vierzig Jahren entstand und mutatis mutandis als bester Rocksong aller Zeiten gilt, könnte den Wahlkampf intonieren – „Like a Rolling Stone“. Jene sarkastisch orgelnde Rhapsodie springt eine Person, eine Gesellschaft an, der plötzlich jegliche Gewissheit, Wohlstand und Zukunftsperspektive abhanden kommen. Die den radikalen Paradigmenwechsel immer noch nicht registriert hat und auch nicht wahrhaben will, dass um die Ecke Armut und sozialer Abstieg lauern.

Dieses Gefühl des ökonomischen, politischen Überrolltwerdens wird uns eine Weile gefangen halten. Der Vorgang selbst macht offenbar so viel Lärm, dass warnende und mahnende Stimmen, wenn sie sich denn überhaupt erheben in der deutschen Öffentlichkeit, davon überlagert werden. Möglicherweise verspürt man bei all dem Geraune und Gerausche wenig Lust, auch noch zur Kenntnis zu nehmen, wie zum Beispiel ein alternder Literaturnobelpreisträger gegen Heuschrecken lospaukt.

Man ist gewiss nicht intellektuellenfeindlich, aber wohl ein wenig intellektuellenmüde geworden. Wie die Intellektuellen selbst, die Künstler, Schriftsteller, die Protestgewaltigen. Dies jedoch könnte ein unbeabsichtigtes Ergebnis von bisher sieben Jahren rot-grüner Regierung sein. Denn immer noch gilt: Die überwiegende Mehrzahl unserer Künstler und Autoren und auch Philosophen neigt eher nicht der CDU zu. Man fühlt sich, wenn auch mit stetig wachsendem Unbehagen, traditionell dem alternativen Lager zugehörig. Und alternativ waren bislang die Grünen und die Roten.

Nun kann man Künstler und Intellektuelle kaum für die Pleite von Schröder und Fischer und ihren Parteien verantwortlich machen. Jedoch: Die kritischen Geister haben geschwiegen. Als hätten sie bis vor kurzem mit im Regierungsboot gesessen. Erst als die Sozialreformen begannen und sich abzeichnete, dass es hart würde und Opfer kostet, wachten einige intellektuelle Wortführer auf, versuchten sich einzumischen. Aber in was?

Kanzler Schröder, das hat er sich jetzt vorzuwerfen, fand keine Worte, nie die rechten Mittel, seine Politik der Reformen erfolgreich zu erklären. Es fand sich freilich auch keiner aus dem Kreis der Intellektuellen, die ihn bei diesem schwierigen Geschäft unterstützt hätten. Das wäre, wie die Dinge in diesem Land stehen, intellektueller Selbstmord. Und umgekehrt landet ein Schriftsteller, der zum Beispiel gegen Hartz IV polemisiert, in der Mehrheits-SPD schnell in der Lafontaine-Falle. Ein Abweichler!

Die SPD und die Kultur, die Kulturpolitik: Zunächst sah es so aus, als habe Gerhard Schröder seiner Partei neues Terrain erobert, als er im Wahlkampf 1998 Michael Naumann in sein Team holte. Naumann nahm nach dem Wahlsieg einen Posten ein, der für ihn geschaffen worden, für den er wie geschaffen war – den des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vulgo Kulturstaatsminister. Ohne wirkliche Hausmacht, ohne nennenswerten eigenen Etat vermittelte Naumann der Öffentlichkeit das Gefühl, hier gehe es mächtig voran. Von Anfang an aber hatte dies Amt etwas von einer Mogelpackung, schließlich ist Kultur (und Bildung) nach der bundesrepublikanischen Verfassung Ländersache. Naumann hatte kaum Chancen, erfolgreich zu wirken. Doch er nutzte sie. Spitznamen wie „open Mike“ und „Diskurswerfer“ zeugten von dem Respekt, der er genoss; bis zu seiner raschen Demission.

Das fehlt der SPD heute, in nahezu allen Belangen, nicht nur in der Kultur: Köpfe, die einen Diskurs entfachen. Generalsekretär Müntefering hat spät – wir sind nun schon fast im Schlussakt des rot-grünen Dramas – diese Rolle des Vor- und Zurückdenkers übernommen, ohne größere Bühnenerfahrung. Einer muss es halt machen.

Keine großen Diskurse, vielmehr kleinere Kurskorrekturen im Beiwagen der Kultur: Mehr war und ist für Naumanns Nachfolger Julian Nida-Rümelin und nun Christina Weiss nicht drin. In der Frage der Hauptstadt-Kultur hat die Koalition einiges erreicht, was man als notwendige Besitzstandswahrung bezeichnen kann: die Übernahme der Berliner Festspiele, des Jüdischen Museums, des Hauses der Kulturen der Welt, der Akademie der Künste in die Finanzregie des Bundes. Weil Berlin allein damit hoffnungslos überfordert wäre. Gelegentlich glänzte Schröder mit generösen Gesten in der Hauptstadt, als es darum ging, die Sammlung Berggruen oder Barenboims Staatskapelle in der Hauptstadt zu erhalten. Aber deshalb von einer rot-grünen Wende in der Kultur, gar von einer rot-grünen Epoche zu sprechen, wäre übertrieben.

Kultur in diesem Land ist in erster Linie auf Sicherung und Versorgung aus. Daran haben die rot-grünen Jahre nichts geändert, im Gegenteil. Geradezu beschwörend appellierte Bundespräsident Horst Köhler am Wochenende bei der Eröffnung der Berliner Akademie an die Künstler und Schriftsteller, sie mögen sich doch einmischen, kritisch sein. Das spricht Bände.

Man war es bei den Kreativen lange Zeit zufrieden, das rot-grüne Projekt. Bis die Erkenntnis dämmerte, dass Schröder und Fischer weder den Irak-Krieg noch die Globalisierung aufhalten können. Nun stehen sie ganz unten, und die Steine rollen ins Tal.

Wir oder die – Schröder will im Wahlkampf mächtig polarisieren. Intellektuelle Wahlkämpfer aber stehen vor einem Dilemma. Wer allzu persönlich agitiert, wie Michael Moore gegen George Bush, der hilft am Ende noch dem Gegner.

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