Kultur : Schweigen ist Blei

Ahmed Kamal Aboulmagd konnte nicht kommen. Sicherlich wäre der Professor für Öffentliches Recht an der Universität Kairo gerne der Einladung ins Berliner Schloss Bellevue gefolgt. Bestimmt hätte der Jurist engagiert zwei Tage lang über die "Zukunft der Religionen. Religion, Kultur, Nation und Verfassung" mit den anderen illustren Teilnehmern diskutiert und unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau den Dialog der Kulturen gesucht. Doch die Eskalation im Nahost-Konflikt hielt ihn von der Reise ab.

Diese Absage war für das Dilemma der durchaus wohlmeinenden, vom Haus der Kulturen der Welt und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck initiierten Konferenz. Während sich unter Kronleuchtern weit ab vom Geschehen Gleichgesinnte wie Jutta Limbach, Adolf Muschg, Amitai Etzioni, Rudolf von Thadden, Hans Küng und Wolfgang Huber über den Stellenwert von Toleranz und Menschenrechte einig sind, schlagen sich Palästinenser und Israelis die Köpfe ein. Konfrontation und Revanche statt Annäherung. Die Kluft zwischen abstrakten moralphilosophischen Überlegungen zu "multiplen Identitäten" am runden Tisch und der Realität des Kampfes der Kulturen könnte kaum deutlicher sein.

Ist der Dialog außerhalb der sich ausweitenden Kampfzone überhaupt sinnvoll oder ist er nur ein Spleen der Friedfertigen? Müsste das Gespräch nicht in Ramallah oder Dschenin stattfinden, wo sich Araber und Juden gegenüber stehen? So wünschenswert es wäre, zurzeit bleibt es unvorstellbar. Deshalb hat auch der Dialog fernab Sinn. Er darf nur nicht zum Monolog Einzelner in luftigen intellektuellen Höhen werden. Während der Tagung im Schloss Bellevue war das oft der Fall. Ein generelles Manko solcher Konferenzen: Die realen Probleme und der Alltag bleiben ausgeblendet.

Dabei ist das Verhältnis zwischen Religion, Staat und Verfassung vor unserer Haustür schon schwierig genug: Kopftuch tragende Lehrerinnen, Islamunterricht in der Schule, Kruzifixe in Klassenräumen. Wie viel religiöse Toleranz verträgt das deutsche Gemeinwesen? Hier ist das Gespräch zwischen den Betroffenen gefordert. Johannes Rau drückte es so aus: Der Beginn des Dialogs ist bereits das Ende des Fundamentalismus.

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