Kultur : Schweißarbeit

„Zaunwelten“: Wie die DDR Grenzen zog

Dagny Lüdemann

Der größte Zaun Europas wurde vor 16 Jahren niedergerissen, am 9. November. Viele kleine Zäune in der DDR, Begrenzungen von Grundstücken oder Kleingartenparzellen blieben stehen – bis heute. Nun werden sie als Design-Kuriositäten der sozialistischen Mangelwirtschaft entdeckt. Denn viele DDR-Bürger bauten sich ihre Gartenzäune selbst aus Industrieabfällen und wurden dabei enorm kreativ: Sie schweißten Sonnen, Blätter, Buchstaben oder auch Zirkel aus Eisenrädern, verarbeiteten Altglas oder Stanzschablonen. Ein unerschlossenes Forschungsfeld. So zeigen die Kulturwissenschaftlerinnen Majken Rehder und Nicole Andries in der Ausstellung „Zaunwelten - Bilder und Geschichten zur Alltagskultur der DDR“, was sie während ihrer anderthalbjährigen Recherche in Ostdeutschland an außergewöhnlichen Zierzäunen entdeckt haben. Ein Einblick in die Heimwerkerkultur der DDR, in der sich jene Produktivität auszutoben schien, die der Staat ungenutzt ließ.

Jede Besiedlung beginnt mit dem Ziehen von Grenzen. Wer einen Zaun baut, will sein Territorium markieren und Eigentum schützen. Andererseits ist eine kunstvoll gestaltete Barriere Ausdruck von Individualität, ein Aushängeschild und Anlass für nachbarschaftlichen Austausch – zum Beispiel über den Gartenzaun, im doppelten Sinne.

Die Kulturwissenschaftlerinnen schrieben darüber hinaus einen Wettbewerb aus, dessen Ergebnisse ebenfalls im Museum für Kommunikation zu sehen sind. Die Schweizerin Eveline Mooibroek lässt die Besucher auf Miniaturlandschaften blicken. Durch Vergrößerungslampen, wie man sie vom Zahnarzt kennt, sieht man kleine Plastikrehe in einem Gatter oder eine auf einer Insel gestrandete Meerjungfrau. Eine unterhaltsame und humorvolle Schau. Und das, ohne sich über DDR-Heimwerker oder den Schießbefehl lustig zu machen.

Zaunwelten, 10. November 2005 bis 8. Januar 2006, Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, Mitte) Di-Fr 9-17 Uhr, Sa/ So und feiertags 11-19 Uhr.

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