Schweizer Gedenktag : Die Kinder an Bauern als Sklaven vermittelt

Die Schweiz will sich an diesem Donnerstag erstmals für das schwere Unrecht an den so genannten Verdingkindern entschuldigen. Die Behörden hatten sie über Jahrzehnte aus ihren Familien gerissen und an Bauern vermittelt – als Sklaven.

Franz Schmider

Dort, wo die Idylle am vollkommensten ist, geschehen die schlimmsten Verbrechen. Den Satz hatte Hugo Zingg Stunden zuvor nahezu beiläufig gesagt, lange vor der Fahrt ins Berner Oberland. Er hatte nicht von sich gesprochen, sondern ganz allgemein von den Klöstern und Dorfschulen, von angesehenen Bürgern, frommen Priestern und Beamten, die nicht wahrnehmen, was sie anrichten. Hugo Zingg hatte nicht diesen oder jenen im Besonderen gemeint, sondern die Schweiz im Allgemeinen. Es verriet eine nicht eben freundliche Sicht auf seine Heimat.

Jetzt steht er am Rand eines schmalen Weges, es ist kalt, ein klarer, sonniger Märztag, im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau, im Vordergrund windet sich der Thunersee um eine Bergkette. „Ein wunderbares Panorama“, sagt Zingg träumerisch. Es gibt Momente wie diesen, in denen er schwärmen kann. Der Mensch lebt eben weiter. Er lebt auch gerne. Und mit Stolz auf sein Land, trotz allem. Dieses Panorama, sagt der 77-Jährige, und nun klingt es, als ginge es um ein Problem, „das habe ich damals nicht gesehen“.

In der Stille, die sich nach dieser Erkenntnis auftut, weil Zingg sie erst mal nicht weiter erläutert, schwingt ein Ton nach, der nicht zur festen Stimme dieses Mannes passt. Schon bei der Einkehr im Dorfgasthof Bären hatte sich ein leichtes Zittern der Finger gezeigt, als er das Glas hielt. Dabei hatte Zingg ohne Zögern eingewilligt, in den kleinen Ort nahe der Stadt Thun aufzubrechen. Er wollte zeigen, wo das Verbrechen geschah.

Das Verbrechen hat im Strafgesetzbuch keinen Namen, keinen Paragrafen. Zingg formuliert es so: „Man hat mir meine Kindheit genommen. Man hat mir mein Recht genommen, ein Mensch zu sein.“ Zingg ist ein sogenanntes Verdingkind, er begann es vor 71 Jahren zu sein. Jetzt will er, dass seine Mitmenschen es endlich sehen, dass sie ihn sehen, ihn in seiner Not.

Am heutigen 11. April wird die Regierung der Schweiz erstmals der Verdingkinder gedenken, nach Jahrzehnten, in denen man ihre Existenz offiziell lieber verschwieg. Zingg erwartet ein Bekenntnis „dass es eine Schande war, was da passiert ist“. Und er erwartet zudem ein Wort der Entschuldigung. Eine Entschuldigung, „würde den verstorbenen und noch lebenden Verdingkindern ihre Würde zurückgeben“, schreibt eine ebenfalls Betroffene, Elisabeth Wenger, in dem Buch „Versorgt und vergessen“. Dass in Verdingkind das Wörtchen „Ding“ steckt, ist eine böse, tiefere Wahrheit.

Hugo Zingg war sechs Jahre alt, da haben Mitarbeiter des Fürsorgeamtes in Bern ihn und seine fünf Geschwister seinen Eltern weggenommen. Die Kinder wurden getrennt. Hugo Zingg geriet in das Dorf im Berner Oberland, er bittet darum, den Namen zu verschweigen, auf den Ort komme es nicht an. Er wurde einer Bauernfamilie übergeben. Acht Jahre blieb er, acht Jahre erlebte er ein Martyrium.

In den Unterlagen der Schweizer Behörden werden sie Fremdplatzierte genannt. Bis 1978 hatten Sozialämter die Möglichkeit, Kinder ohne Einwilligung der Eltern aus der Familie zu nehmen und in Heime oder Pflegefamilien zu geben. Für den Entzug der Kinder reichte es manchmal aus, dass die Familie sich ans Fürsorgeamt wandte und um Hilfe nachsuchte. Oder dass eine Frau alleinerziehend war.

Wie viele Kinder von dieser Praxis betroffen waren, ist nicht bekannt. Der Historiker Marco Leuenberger hat für das Jahr 1930 rund 35 000 Verdingkinder ermittelt. Er geht aber davon aus, dass die Zahl doppelt so hoch lag, weil längst nicht alle Verdingkinder registriert waren. Allein zwischen 1920 und 1970 sollen mehr als 100 000 Kinder in andere Familien oder Heime gebracht worden sein. Bis in die 30er Jahre hinein wurden Kinder auf lokalen Märkten regelrecht an Landwirte versteigert. Der Bauer, der am wenigsten Kostgeld vom Staat verlangte, bekam den Zuschlag. Ein früher Fall von Outsourcing. Der Staat sparte Geld, der Landwirt bekam eine billige Arbeitskraft, von dem Geschäft profitierten beide.

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben