Kultur : Schweizer Kultur: Hier stimmt sie, die Chemie der Künste

Peter Herbstreuth

Wenn die Kunsthalle Basel Antje Majewski mit der heutigen Eröffnung über Sommer hinweg eine Einzelschau widmet, so ist das ihr erstes großes Solo. Schon zuvor hat die Berliner Künstlerin ihre Arbeiten in Gruppenausstellungen geprüft. Ein Restrisiko liegt in der Natur der Sache. Schließlich ist die Kunsthalle groß, und die Stadt hat schon viele Künstler kommen und gehen sehen - zumal zu Basels primetime, wenn sich die Kunstwelt jetzt wieder zur weltweit wichtigsten Messe für moderne und zeitgenössische Kunst versammelt (12.-18. Juni). Keine andere Stadt vergleichbarer Größe ist zu einer solch profilierten Polyphonie von Kunsthäusern überregionaler Bedeutung herangewachsen. Gleichzeitig bewahren die Bürger deren wettbewerbsfreundliche Ausstrahlung, indem sie ihre Einsätze sukzessive erhöhen.

So wurde das Basler Kunstmuseum mit seinen erstklassigen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts gerade erst renoviert und künftig durch den Ankauf eines angrenzenden ehemaligen Bankgebäudes - auf Initiative der Mäzenatin Maja Oeri hin - erweitert. Bernhard Bürgi, bisher Direktor der Kunsthalle Zürich, tritt in Kürze die Nachfolge von Katharina Schmidt an, die sich mit einer Skulpturenschau Cy Twomblys letztes Jahr triumphal verabschiedet hatte.

Das Museum für Gegenwartskunst, das Teile der Emanuel Hoffmann Stiftung beherbergt, soll künftig eine stimulierende Gegenstimme im Vorort Münchenstein durch ein vom Architekturbüro entworfenes "Schaulager" derselben Stiftung erhalten. Unter der Leitung von Theodora Vischer ist die Eröffnung mit Werken der Moderne und der Gegenwart für 2004 geplant. Die Präsentation soll die Kunst zwischen "Schaulager" und Museum neu definieren. Deshalb könnte der Stifterbau nicht nur gegenüber dem Museum für Gegenwartskunst, sondern auch gegenüber der 1997 eröffneten Fondation Beyeler zum brillant ergänzenden Gegenstück werden. Der im Vorort Riehen gezeigte Stiftungsbestand des Kunsthändlers Ernst Beyeler befindet sich in ständiger Bewegung und wird durch thematische Ausstellungen in dem von Renzo Piano für Beyeler erbauten Museum belebt. Auch die dort noch bis zum 24. Juni gezeigte Mark-Rothko-Schau erweist sich als Publikumsmagnet.

Innerhalb dieses Geflechts gegenwartsbezogener Häuser, muss Peter Pakesch, der Leiter der auf Aktualität verpflichteten Baseler Kunsthalle, klug handeln, denn in der Stadt residieren alteingesessene Familien, zu deren Selbstverständnis es gehört, sich um Kunstbelange kümmern. Wer in der Oberliga der Stadt mitspielen will, muss dies berücksichtigen. Pakesch, der die Nachfolge von Jean-Christophe Ammann und Thomas Kellein angetreten hat, kennt den Balanceakt zwischen Erwartungshorizonten, Interessensverflechtungen und Selbstanspruch nur zu gut. Schließlich ist die Kunsthalle ist nicht allein dem Nachwuchs, sondern auch dem traditionell hohem Niveau der Hauses verpflichtet.

Hier haben sich Meilensteine künstlerischer Auseinandersetzung aneinandergereiht: Bereits 1914 mit Picasso, 1958 mit Pollock und Rothko, 1975 mit Flavin, Judd, Ryman und LeWitt. Hier fand unter Ammann 1986 das große Gespräch zwischen Beuys, Cucchi, Kiefer und Kounellis zur Frage: "Sollen wir eine Kathedrale bauen? statt. Hier begann 1992 die Karriere von Pippilotti Rist, bekam Rirkrit Tiravanija 1995 den richtigen Drall für Europa. Auch Pakesch ist ein spin doctor, ein Mann, der starken Anfängern den richtigen Drall zu geben versteht. So gab er auch Künstlern, die jüngst durch die vorpreschende Arbeit von Berliner Galerien auf Touren kamen, erste Solos: Franz Ackermann, John Bock, Olafur Eliasson, Michael Majerus, Jorge Pardo, Dan Peterman und Tobias Rehberger. Die Berlin-Connection läuft also bestens. Und Basel fundiert bereits, was Berliner Institutionen noch in Anfangsgründen erarbeiten müßten.

Die Kunsthalle Basel ist allerdings kein reines Ausstellungshaus, denn sie veranstaltet regelmäßig Symposien auch in Verbindung mit dem ortsansässigen kunsthistorischen Institut und besorgt ein Filmprogramm. Hin und wieder flirtet Pakesch mit musealen Ausstellungen. Unter dem Titel "rot grau" zeigte er 120 Werke von Holbein, Böcklin, Oppenheim und anderen älteren Meistern. Was nicht ausgeliehen werden konnte, fotografierten Candida Höfer, Louise Lawler, Sherrie Levine und Michael Clegg (von Clegg & Guttman) in situ. Aus dem Mangel wurde Mehrwert geschlagen. In der Chemie- und Bankenstadt Basel ist das kein schlechter Schlenker.

Doch aus den Flirts sind keine Affären geworden. Pakeschs bleibt den jüngeren Zeitgenossen treu. Bisweilen ist deren Werklauf so jung, dass eine Soloschau in den Raumfluchten der beiden Etagen tödlich wäre. "Manchmal ist es besser, zwei Künstler zwei Künstler einander gegenüber zu stellen", sagt Pakesch. "Der Kontrast belebt und gibt den Werken Halt." Man spürt, dass er die Integrität der Werke schützen und ihren Kern zur Geltung bringen will.

Das gelang jüngst mit der Malerei des Baslers Hanspeter Hofmann und Vera Lutters erstaunlichen Camera-Obscura-Bildern, die in Kooperation mit der Berliner Galerie Max Hetzler gezeigt wurden. Wenn nun die 1968 geborene Antje Majeweski ihre aus der Fotografie entwickelten Bilder vorstellt, führt sie diese Schau fort. Der dokumentarische Charakter der Fotografie und die freie Bildstiftung der Malerei verschränken sich zu Porträts von Masken, Elfen, Geistwesen und einen gebannten Blick auf junge Männer als lichtspiegelnde Rekonstruktionen.

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