Kultur : Schweizer Passion

Das Schaulager Basel widmet dem amerikanischen Künstler Matthew Barney eine große Ausstellung

Max Glauner

Rudolf Steiners Goetheanum und Herzog & de Meurons Schaulager trennen ein Jahrhundert Baugeschichte und sechseinhalb Kilometer durch ländliche Idylle und Industriegebiet. Ist die Strecke zwischen den Basler Vororten Dornach und Münchenstein ein Passionsweg? Diesen Anschein erweckt der amerikanische Bildhauer und Performance-Künstler Matthew Barney mit seiner jüngsten Videoarbeit „Drawing Restraint 17“. Sie verließ erst kurz vor Eröffnung der Ausstellung „Prayer Sheet with the Wound and the Nail“ im Basellandschaftlichen Schaulager den Schneidetisch: Auf zwei großformatigen LED-Schirmen am weit auskragenden Portal des Museumsbaus sieht man nun eine junge Frau ihren Weg zu Fuß und mit der Straßenbahn zurücklegen, während der Künstler im Atrium des Schaulagers eine Skulptur vorbereitet. Zum Finale wird die junge Frau behände an einer Wand des Atriums hinaufklettern, um schließlich in eine von Matthew Barney aufgespannte Membran zu stürzen – und damit wohl in den sicheren Tod.

Neben dem 30-minütigen Video sieht der Besucher im Untergeschoss fünf gewaltige, ineinander verkeilte graue Balken aus Polyester und Klettergriffe an der Wand. So als wollte Barney die Dreharbeiten, die Realität und die Fiktion über das Video hinaus beglaubigen. Diese und eine zweite, für die Basler Ausstellung geschaffene Arbeit schließen die 1987 begonnen Serie „Drawing Restraint“ vorläufig ab, nachdem sie kürzlich durch das New Yorker MoMA und die Basler Laurenz-Stiftung angekauft worden ist.

Neben dem bekannteren „Cremaster Cycle“ stellt „Drawing Restraint“, was mit „Zeichnen (oder Zeichnung) unter Einschränkung“ übersetzt werden kann, die umfangreichste und gewichtigste Serie Barneys dar. Denn, wie man sich bei dem einstigen Leistungssportler und Extrem-Performer Barney vorstellen kann, Einschränkung, selbst auferlegtes Exerzitium bedeutet bei ihm immer auch Erweiterung der künstlerischen Erfahrung. Zeichnen, das ist bei Barney zuerst die Herstellung von etwas Gravierendem, ist Zeichensetzung, das Hinterlassen von Spuren. Von Fußspuren etwa, wie sie der amerikanische General Douglas MacArthur bei seiner Landung auf den Philippinen hinterließ.

In „Drawing Restraint 13“ inszenierte Barney 2005 ein Reenactment dieser Szene, nur, dass der philippinische Strand aus Vaseline besteht – das benutzt Barney gerne – und die Kapitulationsurkunde aus 19 Zeichnungen, die von ihm und einem zweiten Darsteller signiert werden. Relikte dieser Performance – Vaselinetonnen, der Vaselinestrand samt Fußabdrücken, Versatzstücke des Landungsboots – sind jetzt als Installation im Obergeschosses zu bestaunen.

Was aber hat an der Stirnseite des Saals Pieter Coecke van Aelsts Kreuztragung in Tempera von 1530 zu suchen? Ende 2009 hatte die bisherige Gründungsdirektorin Theodora Vischer das Schaulager überraschend verlassen. Das Kuratorium der Laurenzstiftung entschied sich daraufhin, die ohnehin nur einmal im Jahr stattfindenden Ausstellungen von Gastkuratoren inszenieren zu lassen. Im Falle des Barney-Intimus Neville Wakefield handelt es sich allerdings um eine unglückliche Wahl, zieht sich das Prinzip Pieter-Coeckevan-Aelst doch durch die gesamte Präsentation. Wakefield konfrontiert Barneys Œuvre durchgehend mit meist druckgrafischen Passionsdarstellungen des 16. und 18. Jahrhunderts, ganz so, als handele es sich bei Barney um eine einzige Imitatio-Christi-Veranstaltung.

Immerhin können sich all jene Besucher, denen Barney nicht passt, wenigstens an Schongauer, Dürer, Goltzius und Cranach erfreuen. Die von Wakefield forciert betriebene Sakralisierung Barneys ist dennoch kaum dazu angetan, die ästhetische Qualität seiner Arbeiten zu steigern. So verlässt man das renommierte Schaulager diesmal ratlos, nicht ohne sich draußen noch einmal den Passionsweg zwischen Dornach und Münchenstein auf Video anzusehen. Max Glauner

Schaulager Basel, bis 3. 10.; Katalog 35 CHF, Informationen: www.schaulager.org

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