Kultur : Schwelgen in Es-Dur

Gibt es den deutschen Klang? Eine Spurensuche mit der Staatskapelle Dresden auf der Wartburg

Frederik Hanssen

Rums! Glas auf Mörtel. Auch das ist ein deutscher Klang. Martin Luther, alias Junker Jörg, sitzt 1521 auf der Wartburg, ein Gefangener, der die Haftzeit nutzt, um die Bibel in seine Muttersprache zu übersetzen und dem Teufel, dem alten Verführer, ein Tintenfass hinterherzuwerfen, das krachend an die Wand schlägt. Eine Trutzburg der Tradition ist das tausendjährige Gemäuer in Thüringen, Sehnsuchtsort und Symbol der Nation, Resonanzkörper auch des langen Wegs zur Demokratie und zum Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung, auch in Noten. Bei Richard Wagner wird Tannhäuser vom Sängerkrieg auf der Wartburg ausgeschlossen, weil er gegen den guten Ton verstößt, weil dem Verliebten Unbotmäßiges über die Lippen kommt. Wo, wenn nicht hier, sollte man bei der Suche nach dem deutschen Klang fündig werden?

Vor genau 50 Jahren hat die Staatskapelle Dresden die Tradition der WartburgKonzerte begründet, einer exquisiten allsommerlichen Veranstaltungsreihe im Palas, dem prunkvollen Versammlungssaal, der die Wehranlage krönt. Zum Jubiläum, dem 330. Konzert, waren die Dresdner wieder angereist, mit einem frisch verliehenen Ehrentitel im Gepäck. Ende April wurde das stolze Traditionsorchester in Brüssel mit dem erstmalig vergebenen Preis „Bewahrer des musikalischen Welterbes“ ausgezeichnet. Der Klang der 1548 von Moritz von Sachsen gegründeten Kapelle genießt nun auch offiziell besondere Protektion, um nicht zu sagen: Denkmalschutz. Weil er vielleicht einer der letzten seiner Art ist.

Zwei Theorien kann man hören auf die Frage, was denn nun der deutsche Klang sei. Die erste ist sozialhistorisch-musikwissenschaftlich begründet: Nur im Zwangsbiotop der DDR konnte sich diese Tugend aus Vorkriegszeiten erhalten. Hinterm Eisernen Vorhang war man abgeschnitten vom Globalisierungsprozess des Musikmarktes, konnte mangels Valuta Moden nicht mitmachen. Die Streicher zogen also weiter Saiten aus einheimischer Produktion auf, Holz- und Blechblasinstrumente wurden im Vogtland nach überlieferten Methoden gebohrt und gebogen. In Dresden, dem Instrumental der Ahnungslosen, aber auch beim Leipziger Gewandhaus und den Staatskapellen aus Berlin und Weimar setzte man dem real existierenden Sozialismus den Stolz der bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahrhunderts entgegen. Für die Staatsführung allerdings kein Grund, die Edelklangkörper nicht ebenso als Beispiele kultureller Überlegenheit in alle Welt zu exportieren wie die Krippenfigürchen aus dem Erzgebirge.

Nach der Wende dann, als alles möglich schien, war man klug genug, in den neuen Bundesländern viele Fehler der westdeutschen Nachkriegszeit nicht zu wiederholen. Der behutsamen Stadterneuerung entsprach die bewusste Bewahrung des deutschen Klangs. Wie aber funktioniert heute, 2007, dieses konservatorische Beharren auf einer Ästhetik des vorletzten Jahrhunderts? Für den allergrößten Teil des Repertoires überhaupt nicht. Weil sie eben nur auf das romantische Repertoire des 19. Jahrhunderts passt, auf jenes goldene Zeitalter, als die Institution des Sinfoniekonzerts zum Ort der Selbstvergewisserung bildungsbürgerlicher Lebensformen aufstieg. Wie die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung ihres 1. Konzertmeisters Kai Vogler auf der Wartburg Bachs 2. Brandenburgisches Konzert spielt, entlockt jedem, der schon einmal die Segnungen historisch informierter Aufführungspraxis genossen hat, nur ein Gähnen.

Was die Barock-Interpretationen von René Jacobs bis Nikolaus Harnoncourt so spannend macht, ist gerade die Art, wie die einzelnen Stimmen des polyphonen Tonsatzes präzise herausgearbeitet, Effekte auch mal überpointiert herausgemeißelt werden, um der Musik Kontur zu geben. Das Spiel der Dresdner dagegen klingt verwaschen, pastellfarbig, impulsarm. Keine Frage, dass sie wissen, wie die Spezialensembles die Musik des 18. Jahrhunderts zum kraftvollen Pulsieren bringen, doch ihr täglich Brot ist nun einmal Richard Strauss, der schillernde Mischklang der mit allem Raffinement der Instrumentationskunst prunkenden sinfonischen Dichtung; und das hört man auch.

Thema verfehlt auch bei Mozart: Vogler, nun als Solist im G-Dur Violinkonzert Primus inter Pares, platzt geradezu ins Eröffnungsthema hinein, reißt die Töne brutal an, zweifellos mit dem Ziel, die Chose interessant zu machen. Leider geht dabei der ganze Charme verloren, ebenso wie im langsamen Satz, wo er unvermittelt ins volle Vibrato verfällt, phrasiert wie bei Brahms, mit so weit gespannten Bögen, wie sie das fein ziselierte Rokoko überhaupt nicht kannte. Von geistreichem Divertissement keine Spur. Als im Finale das verbissene Gesäge wieder losgeht, steht fest: Ein Grundmerkmal des deutschen Klangs muss Humorlosigkeit sein.

Beim Hauptwerk des Abends dann entfaltet er sich plötzlich in seiner ganzen Schönheit, der deutsche Klang: Jeder Ton blüht auf wie dunkelviolettes Sammetveilchen, Harmoniewechsel wirken wie Wetterumschwünge. Die Musik wird eins mit der bühnenbildhaften Dekoration des Wartburg-Saals, den Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach in den 1860er Jahren romantisierend-mittelalterlich ausgestalten ließ: Mattgold ist die Grundierung, in gedeckten Farben ranken sich die Ornamente darüber, majestätisch wölbt sich die ebenholzschwarze Kassettendecke. Das Stück ist von Antonin Dvorak.

Deutscher Klang, das besagt die zweite Theorie, ist eine Geisteshaltung. Die Nationalität des Komponisten spielt eine Nebenrolle. Es geht um die Atmosphäre einer Epoche, die das Ernste, das Tiefsinnige suchte, um den Mut zum Pathos auch, zu monumentaler Größe, um kontrollierte Sinnlichkeit und um Demut vor den Denkmalen der Tonkunst, kurz um einen Sound, der sich mit Adjektiven wie volltönend, dunkel und erdig umschreiben lässt.

Es gibt Menschen, die weigern sich, Kugelschreiber zu benutzen. Man kann das wertkonservativ nennen. Der deutsche Klang ist wie mit Tinte geschrieben. Und mit Butter gekocht. Wer dabei die Kalorientabelle konsultiert, muss verzweifeln. Nein, nicht auf den Brennwert darf es hier ankommen, der Genuss bestimmt sich nach der Qualität der Zutaten. Wie beim Sonntagsbraten mit viel zu viel Sahnesoße. Schlemmen, Schwelgen in Es-Dur.

Kein Wunder, dass die Berliner Philharmoniker, dieses Weltorchester, das sich gerade fit fürs 21. Jahrhundert gemacht hat, nichts mit dem deutschen Klang zu tun haben will. Und doch hat sich die ganze Diskussion an dem Vorwurf entzündet, ihr Chef Simon Rattle sei dabei, selbigen bei dem Orchester zu zerstören. Was natürlich Quatsch ist, wie die Musiker erst vor vier Wochen wieder bewiesen haben.

Natürlich „können“ die Philharmoniker auch den deutschen Klang herstellen, wenn Christian Thielemann mit ihnen Johannes Brahms 1. Sinfonie erarbeitet, als wilhelminisches Prunkstück, das klingt, wie der Berliner Dom aussieht. Aber die Kosmopoliten aus der deutschen Hauptstadt reklamieren eine andere Geisteshaltung für sich. Schulterblicke sind etwas für Nostalgiker. Wer es sich im Musikmuseum gemütlich macht, ist so gut wie tot. Und Simon Rattle sekundiert: Jedes Stück, findet der Brite, solle doch bitte in erster Linie nach dem Komponisten klingen. Wahrscheinlich ist der deutsche Klang eine Chimäre, genau wie die Wartburg, dieses ewige work in progress, an dem seit Jahrhunderten herumgebastelt wird. Ein Traum nur. Aber ein schöner.

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