Kultur : Schwer & Mut

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Christiane Peitz hat ziemlich schlechte Laune

Geht das wieder los. Wintermantel anziehen und trotzdem frieren. Krankmeldungen von Kollegen entgegennehmen. Mit den anwesenden, ebenfalls verschnupften Kollegen über das Light Deficiency Syndrome diskutieren, über die Vorzüge des Pessimismus (siehe S.8) und die neue Platte von Marius Müller Westernhagen. Deutschrock? Nein, danke. Wir bleiben bei Miles Davis. Die Sonne scheint ohnehin nimmermehr. Denn sie hat uns erwischt, die schlechte Laune, die kleine, gemeine Schwester der Depression.

Gebildete Menschen sprechen von der Kulturleistung der Seelenfinsternis und erinnern an Hamlets „Englische Krankheit“. Sie zitieren Rilke, Max Goldt oder Dantes Sonnett über die Melancholie als Herrin der Liebe. Andere empfehlen Vitamin B. Unsereins sucht Trost in einschlägigen Magazinen – leider vergeblich. Im „Spiegel“ steht, dass der Kanzler seine Regierungserklärung wörtlich von Willy Brandt abgeschrieben hat. Abschreiben geht ja in Ordnung, aber sich erwischen lassen? Jedes Land hat die Regierungserklärung, die seiner akuten Gemütslage entspricht: 2,5 Milliarden Euro gehen der deutschen Wirtschaft jährlich wegen der Volkskrankheit Schwermut verloren.

Was macht eigentlich die Leitkultur USA in solchen Fällen? 81 Prozent der Amis sind davon überzeugt, dass sie einen Roman schreiben könnten, wenn sie nur Zeit dafür fänden. Nicht abschreiben, sondern schreiben – kein Wunder, dass die Amis immer gut gelaunt sind. Zum Vergleich: 82 Prozent der Deutschen schreiben heimlich schlechte Gedichte. Und noch eine Zahl: 30 Prozent der 18 bis 34-jährigen amerikanischen Männer rasieren sich die Brust. Hier zu Lande jammern sie stattdessen über Haarausfall. Nicht auszudenken: Deutschlands Männer stemmen sich bloßbrüstig dem Novemberwetter entgegen. Nein, Rasieren ist auch keine Lösung. Dann lieber Phlegma pflegen.

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