Kultur : Schwer wie Blei

FRANK DIETSCHREIT

Selber schuld.Wer die Latte eigenhändig zu hoch legt, darf sich nicht wundern, wenn er sie mehrfach reißt und letztlich scheitert.Mit Taboris Wiener "Endspiel"-Interpretation, die beim letzten Theatertreffen die Zuschauer bezauberte, wolle man sich messen.Bewußt suche man den Vergleich mit Samuel Becketts Berliner Inszenierung seines Stücks, um eine Standortbestimmung der eigenen Theaterarbeit zu ermöglichen.Doch so vollmundig das Vorhaben, so kärglich das Ergebnis.Statt eines Festschmauses für Schauspieler gibt es nur dünne Textsuppe.Statt einer neuen, frischen Sichtweise auf das Stück vom ewigen Machtkampf zwischen Diener und Herr und vom unaufhörlichen Ende der Welt nur altbackene Posen und bierernste Tiefbohrungen in der vermeintlich absurden Philosophie vom Nichts.

Die "Schule der Nacht" ist ein freies Ensemble, das heftig um Anerkennung und Geld ringt.Mit diesem "Endspiel" dürfte ihre theatralische Kärrnerarbeit nicht leichter werden.Denn der Regisseur Christian Achmed Gad Elkarim kann sich nicht entscheiden, was ihm das Stück bedeuten will.Den Satz "Nichts ist komischer als das Unglück" läßt er zwar seine in der Mülltonne steckende Nell (Anna Bardorf) brav aufsagen.Konsequenzen zieht er daraus aber nicht.Auf die Idee, daß Hamm, der blinde, bewegungsunfähige Haustyrann, und Clov, sein lustloser und rastloser Diener, der nur gehen, aber nicht sitzen kann, ein auf Gedeih und Verderb aneinandergekettetes Komikerpaar sind, kommt er nicht.Der Spiel-Charakter des End-Spiels kommt denn auch viel zu kurz, das ganze Gerede vom Weggehen und Weitermachen, das pingpongartige Hin und Her von scheinbar sinn- und zusammenhanglosen Einfällen und Erinnerungen wird kaum einmal als lustvolle Jonglage mit Als-ob-Situationen begriffen.

In ihrem braunen, mit zwei kleinen Fensterchen, zwei Mülltonnen und vielen Perserteppichen versehenen Gefängnis müssen Hamm (Dietmar Burkhard) und Clov (Harald Pilar von Pilchau) ihre bleischwere Textarbeit verrichten.Hamm sitzt auf seinem rollenden Thron, Clov hinkt herum, und es gibt alles, was zum "Endspiel" irgendwie dazugehört.Den Stoffhund und den Bootshaken, das Fernglas und den Insektenkiller.Es gibt grübelndes Wortezerkauen und hysterische Gefühlsausbrüche, doch ein Geheimnis haben die konturlosen Figuren nicht.Alles bleibt im Ungefähren und Unentschiedenen, denn Hamm und Clov spielen nicht um des Spieles willen, sondern um die Welt und den Text zu ergründen.Wenn Hamm pathetisch ausruft: "Jenseits ist die andere Hölle", wundert man sich sehr.Denn diesseits sehen wir vieles, nur sicher keine Hölle.

Wieder am 30.und 31.Oktober, 20 Uhr.

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