Kultur : Schwer wie Kässpatzen

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch. Seine nächste ARD-Sendung „Druckfrisch“ läuft am 11. Februar um 23 Uhr 30.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Die Pilgerin"
10. Iny Lorentz: Die Pilgerin (Knaur Verlag, 703 Seiten, 16,90 Euro)

Ein Roman, der mit dem grünen Punkt ausgezeichnet werden müsste – seine Handlung ist komplett recycelt aus früheren Mittelalterschmarren des Münchner Autorenduos Lorentz: Wieder wird eine junge Frau von der eigenen Familie verraten, besteht in Männerkleidung dank ihres Erfindungsreichtstums allerlei Abenteuer, bis sie am Ende des Jakobwegs das Herz ihres Vaters in Santiago de Compostela bestatten kann. Der Leser sagt sich nach wenigen Seiten: „Ich bin dann mal weg!“

 Service Online bestellen: "Istanbul"
9. Orhan Pamuk: Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt (Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Hanser Verlag, 432 Seiten, 25,90 Euro)

Ein fein gezeichnetes Doppelporträt der Heimatstadt und der Familie des aktuellen Literaturnobelpreisträgers: Was könnte mehr nach einem Nebenwerk klingen? Aber dies ist ein Hauptwerk von Orhan Pamuk, denn man erfährt aus diesem Buch sehr viel, was man wissen muss, um einen Menschen aus sich zu machen: Wie man herausfindet, wer man ist, und warum dieses Ringen um die eigene Identität eine Voraussetzung für Glück und Kreativität ist.

 Service Online bestellen: "Seegrund"
8. Volker Klüpfl, Michael Kobr: Seegrund (Piper Verlag, 356 Seiten, 16 Euro)

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs versenkten Soldaten einige geheimnisvolle Kisten in einem Gebirgssee in Bayern. Über sechzig Jahre warteten alte Kameraden von damals auf ihre Chance, den Schatz im Nazisee endlich zu heben. Bodenständig ist das Wort, das Klüpfl/Kobers klischeebeladenen Kässpatzen-Kommissar Kluftinger auf den Punkt bringt. Wen Heimweh nach dem Allgäu plagt, der wird mit diesem Buch einige schöne Stunden verbringen. Mir lag es, genau wie Kässpatzen, eher schwer im Magen.

 Service Online bestellen: "Hannibal Rising"
7. Thomas Harris: Hannibal Rising (Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb, Piper Verlag, 356 Seiten, 19,95 Euro)

Endlich mal ein konstruktiver, kostenneutraler und praktikabler Vorschlag zum Umgang mit der deutschen Vergangenheit: Fressen wir die Nazis doch einfach auf! Wie Thomas Harris in diesem Roman über die Jugendjahre des Menschenfressers Dr. Hannibal Lecter diesen mit einer psychologisch stimmigen Motivation austattet, kann einem allerdings den Appetit verderben: Denn erstens ist Lecters Logik so zynisch wie der Spruch „Jedem das Seine“ über einem Konzentrationslager, und zweitens machen Nazis garantiert fett wie Qualle.

 Service Online bestellen: "Der Afghane"
6. Frederick Forsyth: Der Afghane (Aus dem Englischen von Rainer Schmidt, Bertelsmann Verlag, 349 Seiten, 19,95 Euro)

Dieses Buch ist ein schöner Beleg für Carl Schmitts Behauptung, dass der Feind unsere eigene Frage als Gestalt ist. Während die ganze Welt aus Angst vor islamischen fundamentalistischen Selbstmordattentätern den Atem anhält, schreibt Frederick Forsyth einen langen Roman über einen britischen Superman, der die Queen Mary 2 vor dem Untergang bewahrt und das Leben des amerikanischen Präsidenten rettet, indem er sich am Ende als christlicher fundamentalistischer Selbstmordattentäter entpuppt.

 Service Online bestellen: "Die Habenichtse"
5. Katharina Hacker: Die Habenichtse (Suhrkamp Verlag, 309 Seiten, 17,80 Euro)

Die Hauptfiguren von Katharina Hacker wirken wie aus dem Fokus geratene Menschen auf einer Fotografie: Das ist – getreu der künstlerischen Devise „Die Frau schielt nicht, die soll so gucken“ – durchaus Absicht. Und zum Reiz dieses Romans gehört deshalb die Frage während der Lektüre: Bin ich auch so ein armer Tropf, der sich fürs Haben statt fürs Sein entschieden hat? Leider ist der Roman etwas zu überfrachtet mit modischem Schnickschnack, als dass die Psychologie dieser Figuren wirklich fesseln könnte.

 Service Online bestellen: "Der Gefangene"
4. John Grisham: Der Gefangene (Aus dem Amerikanischen von Bernhard Liesen, Bea Reiter, Kristinia Ruhl, Imke Walsh-Araya, Heyne Verlag, 464 Seiten, 19,95 Euro)

Drei Verbrechen bestimmen Grishams neues Buch: Ein Unschuldiger wird in Oklahoma wegen Mordes angeklagt und sitzt aufgrund eines Justizirrtums viele Jahre im Gefängnis. Die zweite Straftat im neuen Grisham begeht der deutsche Heyne Verlag, der alles tut, um den arglosen Leser darüber zu täuschen, dass dies ein Sachbuch ist und kein Roman. Und die dritte Fährte des Verbrechens führt zum Branchenmagazin „Buchreport“, das die „Spiegel“-Bestsellerliste erstellt: Wen hat Heyne dort geschmiert, um den neuen Grisham dennoch auf die Bestsellerliste Belletristik zu hieven?

 Service Online bestellen: "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"
3. Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch (Aus dem Englischen von Elfi Hartenstein, DTV, 359 Seiten, 14 Euro)

Ein Familienroman, wie ihn Billy Wilder hätte schreiben können: Ein über 80-jähriger Mann will ein 50 Jahre jüngeres Busenwunder aus der Ukraine heiraten. Seine beiden Töchter versuchen, dies zu verhindern, müssen aber entdecken, dass ihre Tugendhaftigkeit in Wahrheit moralischer Heuchelei entspringt. Lewycka ist intelligenter, ihr ist ein sehr vergnüglicher Unterhaltungsroman über Sex, Traktoren und die Ukraine gelungen.

 Service Online bestellen: "Das Echo der Schuld"
2. Charlotte Link: Das Echo der Schuld (Blanvalet, 541 Seiten, 21,95 Euro )

Für diese in ihrer unbeholfenen Dösbaddeligkeit fast schon wieder amüsante Liebesgeschichte müssen Schiffe untergehen, böse Onkels Kinder morden und Herzen erst entflammen, dann erkalten und schließlich brechen. Charlotte Link verwandelt auch ihre Leser in umstandskrämerische Tanten beim Kaffeeklatsch – fortwährend will man sagen: „Ach, das wäre doch nun wirklich nicht nötig gewesen!“

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1. Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt, 304 Seiten, 19,90 Euro)

Zwei Formen der Weltaneignung lässt Kehlmann in seinem sehr komischen Roman aufeinanderprallen: die induktive des Mathematikers Carl Friedrich Gauss und die deduktive des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt. Über solche Scherze können Oberlehrer am lautesten lachen, und insofern hat es durchaus seine Richtigkeit, dass dieser Roman erneut an der Spitze der deutschen Bestsellerliste steht. Er ist wirklich sehr deutsch. Aber er ist auch wirklich sehr gut.

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