Kultur : Schwer zu glauben

THEATER

Michaela Soyer

Krankenbesuche machen Angst. Vor allem dann, wenn es keine Aussicht auf Besserung gibt. Bei Oskar haben die Ärzte alles versucht. Chemotherapie und dann noch die Knochenmarktransplantation – nichts hat geholfen. Die Erwachsenen wollen ihm nicht die Wahrheit sagen, die er längst kennt: Er wird sterben. Stattdessen ziehen Sie sich zurück. Der Tod macht sie zu Feiglingen. Der Roman „Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric Emanuel Schmitt beschreibt die letzten 13 Lebenstage eines Zehnjährigen. Er besteht nur aus Briefen, die der Junge an Gott schreibt. Auf der Bühne vom Theater ohne Namen in Prenzlauer Berg sitzt der Schauspieler Andreas Loos, eingehüllt in blaues Neonlicht auf einem Barhocker. Der Mittvierziger spielt Oskar. Er hat eine Halbglatze und um die Augen kleine Falten. Trotzdem ist es glaubwürdig, wenn Loos die Briefe des zehnjährigen Oskar spricht. Der Schauspieler verdichtet in seiner Person eine wichtiges Anliegen des Romans. Alter ist relativ. Ein Tag kann reichhaltiger sein als 100 Jahre. In seinen letzten Lebenstagen gelingt es Oskar, die Facetten eines ganzen Lebens zu erfassen.

Eineinhalb Stunden dauert Loos’ Monolog. Gerade die Kargheit der Inszenierung lässt dem Schauspieler Raum, die Zuschauer mit der puren Sprache zu bannen. Gegen Ende werden die Brief zu Gebeten. Oskar wartet nicht auf Godot, er wird von Gott abgeholt. „Wir haben nur Angst vor dem Sterben, weil wir nicht wissen, was danach kommt“, hat ihm zuvor Oma Rosa erzählt. Gott mag eine einfache Antwort sein. Aber sie vermag als einzige die Ungewissheit und Angst zu vertreiben.

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