Kultur : Schweres Strömen

Volker Lüke

Es hat schon etwas Kultisches, wie die drei Australier auf die Bühne schleichen, sich wortlos hinter ihre Instrumente klemmen und mit konzentrierter Entspanntheit einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappen. Jazz? Rock? Trance? Minimal? Ambient? Piano, Drum and Bass? Bei The Necks ist nichts mehr so, wie es einmal sein konnte. Das Trio aus Sydney skelettiert die Stile, verzahnt sie und präsentiert das Ergebnis auf ihre verschlagen-australische Art als moderne Musik, die unter Dauerbeschuss eine hypnotische Wirkung entfaltet, der man sich nicht entziehen kann. Und das zieht sich: Auch bei ihrem Auftritt im "Late-Lounge"-Programm der MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele spielen The Necks zweimal circa eine Stunde am Stück, bis tief in die Nacht, wobei sie sich so unerträglich langsam steigern, wie man das von einigen Andy-Warhol-Filmen kennt. Chris Abrahams wühlt mit spitzen Fingern im Klavier, bildet Figuren wie Blinkfeuer und lässt sie wieder verlöschen, Hochgeschwindigkeits-Patterns, die sich anhören wie das Mechanische Klavier von Conlon Nancarrow. Dazu spinnt Tony Buck ein feines Netz der Perkussion, schafft neue Dimensionen mit tiefen Trommeltönen und zischendem Beckensirren, während Lloyd Swanton am Kontrabass sparsame Grummelakzente setzt und aufpasst, das nichts davonfliegt. Minimaler Acid-Schlaf-Rock? Flüssiger Hochgeschwindigkeits-Trance-Beat? Oder New-Age-Tantra-All-Blues? Die Musik der Necks ist ein großer Fluss, dessen schwerer Boden angeschwemmtes Material freigibt, das zwischen abstrakten Meditationsübungen und heftig swingenden Jazz-Improvisationen als namenlose Kostbarkeit in der Strömung schaukelt.

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