Kultur : Schweriner Schlawiner

Dada trifft Altertum: Daniel Spoerri erfindet die „Prillwitzer Idole“ neu

Ulla Fölsing

Das schillernde Multitalent Daniel Spoerri gilt als virtuoser Meister des Zufalls. Der Zufall stand auch Pate bei seiner jüngsten Werkgruppe der „Prillwitzer Idole“. 65 dieser neuen Arbeiten feiern jetzt nach einem ersten Auftritt von 4 Bronzen im November 2005 in der Hamburger Galerie Levy Seite an Seite mit ihren historischen Vorbildern im Staatlichen Museum Schwerin Premiere. Die Vorgeschichte war lang: 1979 entdeckte Spoerri bei einem Kölner Antiquar ein Buch von 1771 mit bibliophilen Kupferstichen der skurrilen sogenannten „Obotriten-Götter“. Ein Vierteljahrhundert später reiste er zu den merkwürdigen Heiligen ins mecklenburgische Prillwitz am Südende des Tollensesees.

Daniel Spoerri ist Rumäne von Geburt, Schweizer nach dem Pass und jüdischer Herkunft von Vaterseite. In den 1960er Jahren mit „Eat Art“ und spektakulären „Fallenbildern“ zu Ruhm gekommen, stieß er in Mecklenburg-Vorpommern auf eine kulturhistorische Delikatesse nach seinem Gusto: Die 172 püppchengroßen Prillwitzer Bronzen, anno 1768 vom Großvater der beiden Neubrandenburger Goldschmiedebrüder Sponholz der Öffentlichkeit präsentiert, geisterten viele Jahrzehnte als lokale Ausgrabungen aus dem 10. Jahrhundert durch die Weltgeschichte. 1850 allerdings decouvierten archäologische und schließlich gerichtliche Untersuchungen die vermeintliche wissenschaftliche Sensation als kecken Eigenbau der rührigen Goldschmiede. Die enttarnten slawischen Heiligen wurden fortan totgeschwiegen, bis sie Daniel Spoerri in einem Blechspind des Volkskundemuseums SchwerinMueß auftat und ihnen im Gefolge seiner eigenen Neu-Interpretationen zu überraschendem coming-out verhalf.

Die obskure Genealogie der kleinen „Prillwitzer Idole“ inspirierte den Objektkünstler 2005 zu 16 neuen, zum Teil überlebensgroßen Bronzen, recycelt nach bewährter Spoerri-Manier aus Fundstücken der Wegwerfgesellschaft. 14 davon sind jetzt, teilweise mit vorbereitenden Assemblagen, in Schwerin zu sehen, so ein helmbewehrtes „Mädchen mit Elefantenfuß“, ein radelnder „Eberkopfjüngling mit Pflug“, ein kettenrasselnder „Hexenwagen auf dem Weg zum Scheiterhaufen“ und ein fratzengesichtiger „Siamesischer Dämon“, allesamt mit rissiger Patina wie die 27 ausgewählten, vor 250 Jahren kreierten Sponholz-Kleingötter. Auch die Kupferstiche von Johann Conrad Krüger anno 1771 hat Spoerri bearbeitet und zu 39 vergnüglichen „Prillwitzer“ Collage-Objekten verfremdet, indem er Fotokopien mit allerliebstem Kleinkram beklebte.

Gideon und Jakob Sponholz waren zu ihrer Zeit nicht minder fingerfertig und einfallsreich, als sie den nach Mittelalterlichem gierenden, damaligen Kunstmarkt mit vorgeblichen slawischen Originalgötzen belieferten. Ein eifriger Gelehrter entschlüsselte alsbald die eingravierten Runen mit „Rethra“, dem Namen einer in der Gegend vermuteten, nie gefundenen, legendären Stadt, und die Öffentlichkeit akklamierte begeistert die nunmehr wissenschaftlich abgesegnete, romantische Heimatkunde. Bereits 1770 porträtierte der Hofmaler Daniel Woge auf Wunsch des Regenten eine erste Tranche der angeblich originär mecklenburgischen Grabungsfunde auf zehn Trompe l’oeils in Öl, und der 1771 erschienene Band „Die gottesdienstlichen Alterthümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rethra am Tollenze-See“ mit den Kuperstichen von Johann Conrad Krüger machte die Prillwitzer Idole weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Dem verblüffenden Mechanismus der Produktion von Kunst nach Kunst kann man jetzt in Schwerin nachgehen. Die merkwürdigen Artefakte der Brüder Sponholz werden ergänzt von den Gemälden Daniel Woges, den Grafiken Johann Conrad Krügers sowie einer Zeichnung von Caspar David Friedrich, dessen Schwester mit einem Sponholz-Cousin verehelicht war. Zeitlich am Ende der Schweriner Chronik, vor Ort am Anfang finden sich Daniel Spoerris Neudefinitionen der „Prillwitzer“. Mit Göttern allerdings haben die wenig gemein, auch wenn sie angeblich aus „Sehnsucht nach sichtbarem Glauben“ entstanden sind. Die hintergründigen Schweriner Konstrukte in der Tradition von Dada werden von einer Spoerri-Retrospektive seit 1966 in der nahen Kunstsammlung Neubrandenburg begleitet. Sie bestätigt: Spoerri und die Sponholz-Brüder haben nicht nur die Anfangsbuchstaben ihres Namens gemein, sondern ebenso das Gespür, dass die Magie der Dinge im Auge des Betrachters entsteht.

Staatliches Museum Schwerin, bis 26. November; Katalog 23 Euro. Kunstsammlung Neubrandenburg, bis 3. Dezember.

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