Schwermetall : Prachtkerle und Weibsbilder

07.09.2011 15:40 UhrVon Michael Custodis

Musikalisch hat sich Heavy Metal in 40 Jahren nur wenig gewandelt. Doch die Klischees von harten Männern und willigen Frauen bröckeln.

Im Zuge dieser Verbreiterung der Fanbasis zeigten sich auch erstmals Musikerinnen in Metalbands, fast ausschließlich in der Rolle der Frontfrau. Von der Metal-Community wurden sie ohne große Debatten schnell akzeptiert und entsprachen mit ihrer Stimmlage dem Geschmack der Zeit, der von Ikonen wie Geddy Lee (Rush), Rob Halford (Judas Priest) und Bruce Dickinson (Iron Maiden) geprägt wurde, die bevorzugt im Falsett sangen. Doro Pesch, die mit ihrer deutschen Band Warlock vielen jüngeren Musikerinnen den Weg ebnete, berichtete aus den achtziger Jahren von großen Schwierigkeiten mit den Strategen der internationalen Musikkonzerne. Denn für den US-amerikanischen Markt sollten genau jene Geschlechterklischees von harten Männern und lasziven Groupies bedient werden, mit denen der Glam Metal von Poison, Mötley Crüe, den frühen Bon Jovi, Twisted Sister und W.A.S.P. große Erfolge feierte. Die Ironie daran war, dass diese Musiker sich mit Schminke, engen Latexhosen und toupierten Löwenmähnen provokativ androgyn inszenierten und als Kontrapunkt zu ihrem femininen Äußeren ihre sexuelle Potenz betonten.

Wie Doro Pesch und Angela Gossow, Sängerin der schwedischen Arch Enemy, bei einem Podiumsgespräch an der Kölner Musikhochschule im Jahr 2009 zum Thema Metal & Gender schilderten, fallen heute dagegen sexistische Rezensionen, wie man sie vor zwanzig Jahren noch vereinzelt hatte lesen müssen, als Peinlichkeit auf die Autoren zurück. Eine Diskussion aktueller Tendenzen der Metalszene erschien ihnen daher wesentlich reizvoller als eine Reduzierung ihrer Persönlichkeit auf die Rolle als weibliche Musiker.

Musikalisch hat die postfeministische Generation junger Frauen den Metal vor und auf der Bühne längst für sich entdeckt, obgleich die allerhärtesten Spielarten auch weiterhin von Männern bevorzugt werden. Von Musikerinnen wird nach wie vor der Gesang präferiert, wobei auch hier die letzten Geschlechtergrenzen eingeebnet werden, wenn beispielsweise Angela Gossow mit ihrem Growling einen besonders rauen und aggressiven Stil pflegt.

Nachdem viele Fäden im rasant boomenden Metal durch die von Grunge und HipHop verursachten Marktverschiebungen plötzlich abgerissen waren, nutzte die Szene die Folgezeit zur Konsolidierung, Verjüngung und Selbstvergewisserung. Nachrückende Bands übernahmen nur selten alte Rollenbilder, die von jüngeren Fans überwiegend als überholt abgelehnt oder als Realsatire belächelt wurden. Als eine wesentliche Ausnahme blieb der Körper der Musiker weiterhin ein wichtiges Darstellungsmedium, etwa in Form martialischer Bemalungen und Kostüme, um die karthatische Wirkung fiktionaler Kunst auf einer Bühne zu erleben.

In vergleichbarer Weise fühlen sich junge Frauen im Publikum offensichtlich keineswegs provoziert, wenn etwa die Metal-Urgesteine Manowar ein heroisches Männerbild von einsamen Kämpfern und devoten, großbusigen Frauen beschwören. Die Gründe für diesen distanzierenden und ironisierenden Blick sind in der medialen Sozialisation zu vermuten, mit der sich überzeichnete Comic-Charaktere und idealisierende Avatare nahtlos in die Alltagsrealität integrieren lassen.

Durchstöbert man die vielen Metalforen und Blogs im Internet, blättert im halben Dutzend Fachjournale oder vergleicht die Line-ups bei den zahlreichen Sommerfestivals, so präsentiert sich unter dem Sammelbegriff des Metal heute eine Fülle von Stilen, bei denen Einflüsse aus Klassik, Jazz, HipHop und Funk gleichberechtigt neben progressiven, atonalen und mittelalterlichen Anleihen, klassischem Heavy Metal und esoterischen, politischen und sozialkritischen Haltungen stehen.

Die Situation vieler Bands, mit einem sperrigen Gegenentwurf zum gesichtslosen Mainstream-Markt ein großes, kulturell und sozial höchst heterogenes Publikum zu erreichen und dadurch Teil der Massenkultur zu werden, mag paradox wirken. Dass Fans und Musiker mit ihrer pragmatischen Balance von Kontinuität und Wandel den Metal aber bereits im fünften Jahrzehnt lebendig halten, spiegelt das identitätsstiftende Lebensgefühl der Metalheads, dass ihre Musik eben doch mehr als nur ein Geschmack unter vielen ist.

Michael Custodis ist Professor für Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein Buch „Klassische Musik heute. Eine Spurensuche in der Rockmusik“, Bielefeld 2009, enthält Kapitel über Metallica und Manowar.

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