Kultur : Schwert oder Fackel

Für Europäer ist die Idee der Freiheit streng ans Gesetz gebunden. Bushs Amerikaner machen sich darauf einen anderen Reim

Marius Meller

40 Mal nannte George W. Bush in den zwanzig Minuten seiner feierlichen Antrittsrede das Wort „Freiheit“ („liberty“ bzw. „freedom“). Die „taz“ titelte schlagfertig: „Bush droht: Noch mehr Freiheit“. So weit ist es also gekommen: Manch einem Amerika-Skeptiker geht inzwischen das Messer in der Tasche auf, wenn er das Wort „Freiheit“ aus dem Mund des US-Präsidenten hört. Grünen-Chef Bütikofer bezichtigte ihn gar, den Begriff Freiheit zu „hijacken“, zu entführen, ihn „in den Dreck“ zu ziehen.

Wieso eigentlich? Wir alten Europäer müssten doch froh darüber sein, dass ein Wort, das seit über zwei Jahrtausenden im Zentrum unserer philosophischen und politischen Debatten steht, auf den fruchtbaren Boden einer neuen Welt gefallen ist und nun als Leitbegriff einer hegemonialen Weltpolitik zur Blüte kommt. Schließlich waren es die Nordamerikaner, die den aufklärerischen Kampfbegriff „Freiheit“ früher als die Europäer umsetzten, als sie 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten und sich 1788 eine Verfassung gaben. Die französische Revolution 1789 war in dieser Hinsicht ein ziemlich verunglückter Reimport dieses europäischen Exportartikels. Als die Revolution bereits im blutigen Terror versackt war, schrieb Friedrich Schiller 1795 seine berühmte Elegie „Der Spaziergang“ und diagnostizierte die Enttäuschungsgeschichte der Freiheit: „Freiheit ruft die Vernunft, Freiheit die wilde Begierde, / Von der heil’gen Natur ringen sie lüstern sich los.“

1792 wurde neben dem ersten US-Präsidenten George Washington auch Schiller zum Ehrenbürger der französischen Republik ernannt. Als ihm die Ehrenurkunde schließlich 1798 postalisch zugestellt wurde, waren Danton und Robespierre längst guillotiniert und Napoleon, der kommende Alleinherrscher, besetzte gerade Ägypten. In Fortsetzung der transatlantischen Import-Export-Geschichte von Freiheit schenkten die Franzosen 1886 den Amerikanern die Freiheitsstatue, halfen die USA im 20. Jahrhundert Europa aus dessen düstersten Katastrophen. Auch eine gewisse hochsymbolische Zickigkeit gehört in diesen Zusammenhang: Als Frankreich vor dem Irakkrieg 2003 sich der „Koalition der Willigen“ nicht anschließen wollte, benannten die amerikanischen Freunde ihre Pommes Frites, die French fries, in „Freedom fries“ um.

Aufschlussreich ist, dass der Gegenbegriff zur terroristisch entfesselten Freiheit bei Schiller das „vertraute Gesetz“ ist, das unsere Freiheitsbedürfnisse und -phantasien an die „heil’ge Natur“ und die Tradition der moralischen Grundsätze zurückbinden soll, an das „eherne“ Prinzip der friedlichen Koexistenz. Er hatte sich über die Schriften Immanuel Kants mit einer philosophischen Tradition vertraut gemacht, die Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“ des Gesetzes (Baruch Spinoza) begriff, und die moralische Gesetzlichkeit als Grundlage des Zusammenlebens von Individuen, Gesellschaften und Nationen „in weltbürgerlicher Absicht“ dachte (Kant).

„Freiheit“ ist bei den Philosophen dieser Tradition ein metaphysischer Begriff – im Grunde ein anderes Wort für Gott –, der den Regeln des menschlichen Zusammenlebens eine übersinnliche Dignität verleihen soll. Dieser Freiheitsbegriff funktioniert nicht ohne den Gesetzesbegriff.

Ein ganz anderer, für das amerikanische Bewusstsein bedeutsamerer Freiheitsbegriff ist der des Liberalismus, sofern man „Liberalismus“ aus der Tradition der Utilitaristen und Pragmatiker von Adam Smith bis John Stewart Mill versteht: Freiheit ist demnach ein Maximum an individuellem Glück. In Bushs Worten: „In Amerikas Ideal von Freiheit finden die Bürger die Würde und Sicherheit ökonomischer Unabhängigkeit“ .

Aber auch der US-Präsident bindet in seiner ausgeklügelten Inthronisierungsrede die Freiheit einmal zurück ans Gesetz und verrät damit unbewusst mitgeführte Kantianische Ideen. Obwohl er das Wort „Verfassung“ nur ein einziges Mal erwähnt („wir feiern die dauerhafte Weisheit der Verfassung“), nenntt er die religiös-gesetzlichen Korrektive von Freiheit: die „Wahrheiten des Sinai“ (die mosaischen Gebote), die Bergpredigt Christi und „die Worte des Korans“. Niemand, auch nicht der schärfste Bush-Kritiker, wird ihm diesen Appell an die Gemeinsamkeiten der großen monotheistischen Religionen, diese Konzilianz auch gegenüber der arabischen Welt, vorwerfen können. Warum klingeln dann jetzt dennoch bei vielen Alteuropäern die anti-bushistischen Alarmglocken?

Der Grund dafür könnte darin liegen, dass in Bushs Rede die Gesetzlichkeit argumentativ keine Rolle mehr spielt. Das Gesetz wird nur noch durch den Verweis auf den Kern der monotheistischen Religionen angetippt, quasi als gesellschaftliche Utopie für die Zeit nach den globalen Freiheitskriegen. Freedom first: Die Freiheit ist der hochpotente Joker, mit dem sich gesetzliche Konstellationen beliebig aushebeln lassen – das fürchtet der Bush-Skeptiker nach diesem „President Sworn-In“. Sowohl innenpolitisch durch den schleichenden Ausnahmezustand in Form von Notstandsgesetzen wie dem „patriot act“ als auch außenpolitisch in der Doktrin des „preemptive strike“. Dass aus dem „war against terror“ nun offenbar ein globaler „war for freedom“ werden soll, lässt es all denjenigen kalt den Rücken herunterlaufen, für die Freiheit der gute Geist des Gesetzes ist.

In der Erzählung „Der Heizer“ von Franz Kafka sieht der Amerika-Reisende Karl Rossmann bei der Einfahrt in den Hafen von New York die Freiheitsstatue: Statt der Fackel hat sie ein Schwert in der Hand.

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