Kultur : Schwerter zu Grabkreuzen

SYBILL MAHLKE

Die Weltkugel ist ein Spielball, und ein Märchenkönig meint, seine Macht um Liebe verschenken zu können.Aber die Thronentsagung bringt ihm das tiefste Leid, das er je kannte.Kronen und Narrenkappen wandern von einem zu anderen.An langer Tafel sitzen um den Herrscher, der von der Gewohnheit des Befehlens ausgeht und sie nicht lassen kann, seine älteren Töchter Goneril und Regan, ihre Ehemänner, Herzöge von Albany und Cornwall, der König von Frankreich, der um die jüngste Tochter Cordelia wirbt, die Grafen von Kent und von Gloster, dessen Söhne Edmund und Edgar.Unter dem Tisch lugen die Beine des Narren hervor.An den Schmalseiten der Tafel sehen sich Cordelia und Edgar in die Augen, die verkannten Kinder.Denn wie Lear seine jüngste Tochter zurückstößt, so läßt Gloster, des Königs Spiegelbild, sich betrügen.Er täuscht sich in seinen Söhnen.In der Grundfarbe Winterweiß gehalten wie das ganze Stück und seine Kostüme, gibt die erste Szene zu erkennen, wer zu wem steht: Das Märchen von den zwei bösen Schwestern und der einen sanften, guten.Mythische Zeit und die absurde Situation, daß ein Monarch die Verteilung seines Erbes von einem Redewettbewerb abhängig macht: "So spreche jede von ihrer Liebe zu mir."

Willy Decker, Aribert Reimanns Wunschkandidat für die Berliner Uraufführung der Kafka-Oper "Das Schloß" (1992 an der Deutschen Oper), kurz darauf von der "Opernwelt" zum Regisseur des Jahres gekürt, inszeniert auch im "Lear" an der Sächsischen Staatsoper einen Traum aus Realitäten, die nicht geheuer sind.Die Zeichen der Exposition, höfische Zusammenkunft zu Lears letztem Staatsgeschäft, stehen schon auf Sturm.Die grellroten Haare der "bösen" Schwestern, die Wahlverwandtschaft der "guten" Kinder, der scheiternde Versuch Lears, die Lieblingstochter Cordelia zu krönen, der falsche Bruderkuß, mit dem der "Bastard" Edmund den gerade verratenen Edgar verabschiedet - alles will sagen, daß eine Geschichte von Gewalt und Liebe erzählt wird, die allen Zeiten und Räumen angehört.

Dietrich Fischer-Dieskau darf als Mitschöpfer des "Lear" gelten.Denn seiner Anregung, seinem Drängen verdankt sich Reimanns Mut, Shakespeares "King Lear", vor dem Giuseppe Verdi resigniert hat, zu komponieren.Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper, geht die Uraufführung, mit der Texteinrichtung Claus H.Hennebergs und Fischer-Dieskau in der Titelrolle, 1978 in die Annalen der Stadt München ein.Der Dresdner Intendant Christoph Albrecht betont das Verdienst August Everdings um dieses Projekt.Allein, das Theaterwunder liegt erst recht in dem, was folgt.Die DDR-Erstaufführung an der Komischen Oper Berlin 1983, eine ingeniöse Regietat Harry Kupfers, ist bereits die siebente Interpretation des Stückes.Daß Reimann schon deren 14 vor dieser neuen und innig gefeierten "Lear"-Inszenierung an der Semperoper gesehen hat, "alle völlig anders", wie er sagt, will auf dem Gebiet der modernen Oper etwas heißen.

Der Eindruck, sie käme wie ein Sturmwind auf uns zu, hochexplosiv von instrumentalen Blitzen und Schlägen des großen Orchesters herbeigeführt, erscheint unter der musikalischen Leitung Friedemann Layers am Pult der Sächsischen Staatskapelle womöglich noch gesteigert gegenüber den früheren Dirigenten Gerd Albrecht und Hartmut Haenchen.Aber je vertrauter die Partitur in ihrer donnernden Expressivität nach zwanzig Jahren geworden ist, desto klarer läßt sie sich wahrnehmen, ohne den Hörer zu überrollen.Nicht nur die auf fünfzig Notensystemen notierte elementare Sturmmusik, sondern auch die hysterische Virtuosität der "bösen" Frauen hat ihren dramaturgischen Ort, der Eindruck permanenter Exaltation und gepeitschter Gefühle wird im Unisono artifiziell aufgefangen.Und wenn ein Countertenor wie David Cordier als Gloster-Sohn Edgar zur Verfügung steht, dominiert plötzlich mit hinreißendem Klang der verträumte lyrische Madrigalton.Cordiers Präsenz als Held des Abends unter den Sängern auch in der Publikumsgunst verschiebt die Gewichte, obwohl Victor Braun (Lear), Michael Rabsilber (Kent), Hermann Becht (Gloster), Hans Aschenbach (Edmund) im Männerensemble und fulminant als die drei Töchter Eva-Maria Bundschuh (Goneril), Evelyn Herlitzius (Regan) und Sabine Brohm (Cordelia) ihre wichtigen Akzente setzen.

Da die alles beherrschende Partitur, opernhaft und esoterisch zugleich, des Komplizierten nicht entbehrt und unter dem Dirigenten Layer das Sagen hat, ist Willy Deckers Inszenierung der erkennbaren Zeichen in irrealem Welttheater der Musik Hilfe und Deutung.Die Weltkugel begibt sich auf ihre Wanderschaft, nachdem König Lear sie aufs Spiel gesetzt hat.Der Narr, sein Alter ego, übernimmt die Kugel, die die Welt bedeutet.Ein symbolistischer Riß in der Zwischenwand dieser Bühne (keine neue Erfindung, aber hier eindringlich signalhaftes Theatermittel) steht für das ausbrechende Chaos (Ausstattung: Wolfgang Gussmann und Frauke Schernau).Kleine Krönlein sitzen Lears verkommenem Gefolge schief auf den Köpfen.Auf der Heide, wo die Natur tobt wie die menschlichen Verirrungen, hat Edgar eine Hütte gefunden, zu klein für Besuch, aber groß genug, um eine Wohnung für Seelen zu sein: "Wer ein Haus hat, in das er seinen Kopf stecken kann, der hat ein gutes Heim", so der Narr, und das nimmt die Regie bildhaft wörtlich.

Absonderliche Harlekin-Pantomimen führt er auf, bevor er dem wahnsinnigen Lear seine rote Pappnase aufsetzt.Der weise Narr (Ralf Schermuly) hat seine Schuldigkeit getan, der Narr kann gehen, nackt bis aufs Unterhemd, denn seinen Rock trägt jetzt der König: "Ein Wahnsinniger braucht keinen Narren mehr" (Reimann).Nun taucht die Handlung ins Surrealistische.Wer ist Narr, wer König? Möbel und Eßbestecke wie auch die Königskrone sind ins Riesige gewachsen, aus der Art geschlagen als praktische Gegenstände.Im Inneren der Krone tanzen Goneril und Edmund ihre Pseudo-Liebesszene, bevor Gloster die Augen ausgestochen werden.Tödliche Schwerter gleichen Grabkreuzen, mit denen sich die Schwestern bis über die Zähne bewaffnen.Unter der Flagge auf hohem Schiff naht Cordelia, um rettend zu sterben.Hell erhebt sich die kleine Fahne als Wimpel über einem Totenfeld, das mit Liegestühlen ein Sanatorium vortäuscht.Lear, der als Patriarch gelebt hat, nimmt zuletzt die Reisig- beziehungsweise Dornenkrone des Leidens vom Haupt, ein christliches Symbol wie der Judaskuß Edmunds.

Die Dresdner Aufführung zeigt, wie die elisabethanische Bühne mit ihrer Philosophie sich über die Partitur Aribert Reimanns an unsere Gegenwart verschenkt: in der Verblendung Wahrheit, im Selbstverlust Bekehrung, im Kleidertausch Erkenntnis, im Märchen Sehnsucht nach Liebe.

Wieder am 10., 18., 28.2.sowie am 5.3.

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