Kultur : Schwimm, wenn du kannst!

Bodenlos: Benedict Andrews inszeniert Sarah Kanes „Gesäubert“ an der Berliner Schaubühne

Kerstin Decker

Viel Wasser und Nacktheit auf der Bühne sind Erkennungszeichen moderner Regie. Man könnte sie auch Verlegenheitszeichen nennen. Immer wenn dem Regisseur nichts mehr einfällt, muss sich einer ausziehen. Und Wasser suggeriert so eine schöne Löslichkeit aller Iche gegeneinander – etwas, das erst das Spiel zu beweisen hätte.

Der Australier Benedict Andrews, in bestem Schaubühnenalter, also Jahrgang 1972, hat Sarah Kane (Jahrgang 1971) inszeniert. Er scheut weder vor Wasser noch vor Nacktheit zurück. Die Bühne ist ein Badebecken, von einer rohen Betonwand umstellt. Über diese Mauer dringt kein Blick, und keiner kommt herein. Diese Mauer verdeckt die Welt. Und das Badebecken ist eher Ablaufbehältnis für die letzten Säfte des Lebens. In diesem Raum ist jeder ausgeliefert. Die Stücke der Britin Sarah Kane kennen ohnehin nur Ausgelieferte. Ausgelieferte sind nackt. Nackt sein, das heißt, keine Rückzugsmöglichkeit mehr zu haben, zurückgeworfen sein auf sich selbst; was jetzt das Erbärmlichste ist. Es ist schon richtig: Wenn jemand das Recht hat auf Wasser und Nacktheit, dann einer, der Sarah Kane inszenieren muss. Bleibt nur die Frage: Muss man Sarah Kane inszenieren?

„Gesäubert“ ist weniger ein Stück als ein Albtraum. Es ist mehr Indiz als Form. Welche Rechtfertigung gibt es für die Teilhabe an den Albträumen fremder Leute? Rings um das Becken herrscht im grauen Anzug, aber barfuß ein Mann namens Tinker (sehr reduziert: Matthias Matschke). Einer, der nirgends auffallen würde. Er betreibt eine Art privates Konzentrationslager und übernimmt die Rolle des sadistischen Lagerarztes gleich mit. Seine Spezialität sind Amputationen: vorzugsweise Hände und Füße, gern auch Zungen. Drogenspritzen setzt er direkt ans Auge. Ganz am Ende wird er sich an einer Geschlechtsumwandlung versuchen. Wir sehen Tinker und seine Opfer am und im Badebecken. Das Wasser kommt von unten und oben. Ein zweistündiges Kammerspiel der Sadismen mit Matthias Matschke, Lars Eidinger, Jule Böwe und anderen. Niemand fällt auf durch besonderes Temperament, die Nacktheit scheint auch die Regungen im Tinker’schen Reich anzugleichen. Es sind die elementarsten.

„Gesäubert“ ist eine Tortur. Die einzige Rechtfertigung, sich Torturen auszusetzen, ist normalerweise, etwas über sich, über uns zu lernen. Üblich sind Fragen der Form: Wer ist Tinker? Warum tun Menschen das anderen Menschen an? Aber dieses Wissenwollen, behaupten wir, ist hier grundfalsch. Bei Kane gibt es nichts zu lernen. Sie faszinierte durch ihre Grausamkeit bei so viel Jugend, durch ihre Jugend bei so viel Grausamkeit. Sie schrieb Stücke mitten aus dem Naturzustand heraus und löste mit „Zerbombt“ Mitte der Neunziger einen britischen Theaterskandal aus.

Aber seit wann ist der Naturzustand eigentlich skandalös? Der bloße Naturzustand ist schlechthin undramatisch, denn er hat keine Fallhöhe. Das ist auch das Problem von „Gesäubert“. Kann schon sein, dass man sich mitten in der mörderischen Welt der Sarah Kane langweilt. Es sei denn, man sieht alles gleichsam unter Wasser. Dass Individuen feste Umrisse haben, ja sogar Namen, ist doch nur Schein. Auch das ist eine Rechtfertigung für die Nacktheit auf der Bühne: Es sind wirklich alle gleich. Sie existieren, mehr nicht. Sie schwimmen, denn es gibt gar kein Festland. Nur Wellen von einem zum anderen. Wie viel Bindung ist möglich auf dem offenen Meer? Das ist die tiefste Frage der Sarah Kane, die sich mit nicht einmal 30 Jahren das Leben nahm.

Eine falsch zur Welt Gekommene. Glaube doch keiner, er hätte festen Boden unter den Füßen. Einer wird am Ende ohne Zunge, ohne Hände und Füße sein. Amputiert wegen des Angebots bedingungsloser Nähe. Keiner nähert sich straflos einem anderen. Benedict Andrews war sensibel genug, die chirurgischen Szenen nicht wie noch vor fünf Jahren Peter Zadek auf dem OP-Tisch zu zelebrieren. Wir hören auch keine Schmerzensschreie. Denn es handelt sich nicht um Extrem-Sadomasochismen, sondern um Seelen-Operationen. Die nebensächlichste Gestalt ist hier tatsächlich Tinker, der Sadist. Er ist nicht individuell böse, sondern nur die anonyme Instanz, das Leben selbst, das übergroße Nähe zwischen Menschen bestraft. Der Vertrauensvorschuss, den Menschen einander leisten müssten, um wirklich zu leben, ist unmenschlich. Und tödlich, wenn man ihn unverhofft erhält, nur um ihn wieder zu verlieren. So wie Grace (Jule Böwe) einen Verlorenen erst ins Leben ruft, um ihn dann sehenden Auges zu vergessen.

Die meisten Menschen fühlen sich irgendwann zu Hause auf der Welt. Sarah Kane blieb fremd hier. „Gesäubert“ ist keine spätpubertäre KZ-Fantasie, sondern schwarze Metaphysik. Ist das die einzige Möglichkeit, Sarah Kanes „Gesäubert“ zu verstehen? Benedict Andrews Inszenierung eröffnet sie.

Wieder am 31. 5., 1. und 4.6.

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