Kultur : Schwimmender Schmetterling

Eine

Schwangeres Schalentier? Aufbrechende Knospe? Torso eines Fabelwesens, das im Tiergarten ausruht? Oft bemerkt man die Schönheit eines Menschen oder einer Sache erst, wenn der Platz verwaist ist und nur ein Phantombild bleibt.

Im März entschwebte Henry Moores „Butterfly“ vor dem Haus der Kulturen der Welt und hinterließ eine merkwürdige Leere. Der goldene Schmetterling, angenagt vom Fraß der Zeit – wie hat sich die Gegend verändert seit 1987, als die goldene Skulptur hier aufgestellt wurde. Damals gab es kein Kanzleramt, keinen Hauptbahnhof, das HKW existierte noch nicht. Die Kongresshalle war nach dem Einsturz zwar wieder aufgebaut, aber noch ohne Leben. Larve, Verpuppung, Schmetterling. Gebäude und Skulptur sind eine Symbiose eingegangen, die Trennung schmerzte.

Nun ist der zarte Zehntonner wieder gelandet. Zurück aus der berühmten Berliner Bildgießerei Hermann Noack, mit der Moore über Jahrzehnte verbunden war. Bei Noack, wo seit 1951 die Berlinale-Bären gefertigt werden, hat man den „Butterfly“ so aufwändig wie liebevoll restauriert. Die Kosten von 160 000 Euro werden von der Bayer AG, der Klassenlotterie und Jörg A. Henle, dem Präsident des Freundeskreises des HKW, aufgebracht, eine weithin sichtbare Geste.

Der Schmetterling ruht auf seinem Sockel im Bassin vor dem Haus der Kulturen der Welt, das Leichte verbindet sich auf Schönste mit dem Schweren. Bei einer Bootsfahrt zur Wiedereinweihung mit Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz und den Sponsoren hat sich die Stadt von jener Seite gezeigt, die immerzu vergessen und versteckt wird – vom Wasser her. Berlin ist gegen den Fluss gebaut, es öffnet sich an wenigen Stellen nur wirklich dem Wasser. Am HKW ist eine. Austern wachsen nicht an Land. Wenn man so dahingleitet auf der Spree, bekommt die verrückte Idee, die brache historische Mitte zu einer Art Binnnenalster zu fluten, wieder Auftrieb. Schloss und Teich, Humboldt-Forum und HKW. Der Schmetterling verleiht der Fantasie Flügel.

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