Kultur : Schwindel im Kopf

CARLA RHODE

Abstecher zum Film hat der große Theaterregisseur Roger Planchon zwar immer wieder gerne gemacht, aber eher als Darsteller.Erst zum dritten Mal führt er auch selbst Regie, und als Drehbuchautor ist der Achtundsechzigjährige sogar ein Neuling.Das verrät großes Engagement für sein Projekt; dem Film ist es anzumerken.Er geriert sich filmischer, als ihm guttut.Das bedeutet nichts anderes, als daß ein gewissermaßen von engen Bühnenbegrenzungen entfesselter Theaterregisseur nun die gesamte Klaviatur filmischer Gestaltungsmittel einsetzt.Ähnlich haben wir das schon mit den Filmen von Patrice Chéreau erlebt.

Im Parforceritt saust Planchon von einem Schauplatz zum anderen, vom elterlichen Schloß in Albi, wo Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa 1864 geboren wurde und als schwächliches, an einer seltenen Knochenkrankheit leidendes Kind aufwuchs, mitten hinein in die Pariser Künstlerszene.Von Atelier zu Atelier, von einem Vergnügungsetablissement ins nächste, von Abenteuer zu Abenteuer und von Malerfreund zu Malerfreund: die Künstlerfiguren van Gogh, Degas, Renoir haben Kurzauftritte.

Daß Planchon mehr am Menschen Toulouse-Lautrec (Régis Royer) interessiert ist als an dessen Werk, das mit seiner neuen, lebendigen Maltechnik längst als revolutionär gilt, muß man ihm nicht zum Vorwurf machen.Manche erinnern sich vielleicht an die peinlichen Versuche in John Houstons "Moulin Rouge", Toulouse-Lautrecs Bilder detailgetreu vor der Kamera nachzustellen, als wäre er ein realistischer Maler gewesen.Planchon faszinieren ironische Heiterkeit, Lebensfreude und die menschliche Überlegenheit dieses kleinwüchsigen Künstlers, der mit seiner verkümmerten Figur sogar in den Selbstbildnissen noch kokettierte.Aber gab es keine bessere kameratechnische Lösung, als den armen Menschen nun als Mann ohne Unterleib erscheinen zu lassen? Verkrampft wirkende Bildausschnitte sind die Folge.Da wurde der Zuschauerfrust entschieden unterschätzt.

Die große, berühmte Liebesgeschichte findet sich hier im Zentrum: Suzanne Valadon (Elsa Zylberstein), die spätere Malerin, stand Toulouse-Lautrec erst Modell, bevor eine leidenschaftliche, aber höchst komplizierte Beziehung begann.So großherzig und vorurteilslos der aus besten Gesellschaftskreisen stammende Künstler auch war, Suzannes zweifelhafte Herkunft hinderte ihn trotz ihres Drängens daran, sie jemals seiner Mutter vorzustellen.Nach der Trennung von Suzanne taumelt Lautrec von Bordell zu Bordell, von einem Exzeß zum nächsten, der schließlich mit Syphilis, Nervenheilanstalt und frühem Tod bezahlt wird.Und die Kamera taumelt mit: aufgeregt, hektisch und maßlos bildersüchtig.Filmende nach 124 Minuten.Schwindel im Kopf.

In Berlin: Blow Up, Filmkunst 66 1/2, Kant

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