Kultur : Schwirren in eisiger Landschaft

NORBERT SERVOS

Zu Geburtstagen, runden zumal, gehören altvertraute Freunde.Zum Zehnjährigen von "Tanz im August" und TanzWerkstatt gehört daher auch der Katalane Cesc Gelabert, sozusagen ein Mann der ersten Stunde.Anfangs faszinierte der gelernte Architekt mit seinen präzise austarierten Soli, später dann verband er in seinen Gruppenstücken eine genaue Raumarchitektur mit leidenschaftlicher Bewegungsführung.

Allein in seinen letzten Arbeiten mischten sich in die filigran gezeichneten Körperbilder allzu grobe Pinselstriche.Statt den gewohnten Perfektionisten sah man da eher einen Mann in den Irrungen und Wirrungen der Midlife Crisis, mit einem seltsamen Hang zum Sadomasochismus.

Mit "Zumzum Ka" versucht Gelabert nun sein Thema noch einmal neu und von ganz anderer Seite anzugehen.Das Wort "Zumzum" - heißt es im Programm - beschreibt im Katalanischen "das summende Geräusch eines Bienenschwarms oder einer Menschenmenge.Der Buchstabe `KÔ steht für den aufrichtigen, den aufrecht gehenden Menschen." Masse contra Individuum, schwirrende Wirrnis gegen aufrechte Selbstbehauptung.

Frederic Amat hat für das etwa siebzigminütige, pausenlose Stück eine eisige Landschaft entworfen.Eine graue Spielfläche mündet im Hintergrund in eine beleuchtete halbtransparente Wand, hinter der, diffus verzerrt, die sieben Personen auftauchen und verschwinden.Vorn an der Rampe steht ein kreiselndes Pendelobjekt, das die rollenden Rhythmen von Pascal Comelade zu spiegeln scheint.Der Boden ist mit kleinen schwarzen Fahnen übersäht, in der Mitte eine Art Trampolin.Auf ihm sitzt Gelabert, bewegungslos, mit einer perforierten leuchtenden Schnabelmaske - ein unbeteiligter Vogelmensch, um den herum sich lauter Traumwesen (Hervé Costa, Giuliano Guerrini, Maureen Lopez, Vicky Saiz, Sarah Taylor) in Szene setzen.In slow motion winden sie sich in bizarren Spiraldrehungen.Einer tanzt ein Spiegelduett mit seinem Double hinter der Wand.

Schemenhaft erscheinen kreisende Gesichter und verschwinden.Immer wieder breiten sich die Arme und enden doch nur in Selbstumarmungen.Eine Frau (Kodirektorin Lydia Azzopardi) erscheint im weiten Spiegelkleid und sammelt wie eine mürrische Baglady die Fähnchen mit einer Zange ein.Auftakt für einen kurzen hektischen Ausbruch der Truppe mit eiligen Griffen in die Luft und raschen Schütteldrehern.Dann kehrt unvermittelt Ruhe ein, die Gelabert, nun zum Leben erwacht, mit einem Solo füllt.Für einen Moment leuchtet in dem untertemperierten Stück die alte Qualität wieder auf.Ruhig legt er die Hand wie einen Schnabel aufs Gesicht, kreuzt seitlich die Arme vor den Kopf, erlahmt in plötzlicher Kraftlosigkeit.

Den Rhythmus zwischen Aufflammen und Ersterben behält das Stück bei, wobei ihm die Musik von hartem Zikadenschnarren bis zu Tangoanklängen eine breite Palette von Stimmungswechseln bietet.Paare verklammern sich miteinander oder posieren in akkuratem Gesellschaftstanz.Das federnde Sprungbrett wird zum Ort der Bewährung, an dem einzelne Farbe bekennen müssen.Dicke Gummihandschuhe greifen ins Leere und distanzieren von jeder Berührung und Nähe.Wie im Traum ist alles möglich, sogar eine Zirkusnummer, in der eine Frau im Tüllkleid Azzopardi als artig dressierten Tanzpudel vorführt.Zwei vorgehaltene Stoffwände eignen sich zum Puppentheater und verwandeln sich gleich darauf in einen Sarg, aus dem ein eiskaltes Händchen ragt.Schnell huscht die Geliebte zum Scheintoten in die kuschelige Gruft.

An Ideen mangelt es der Companyia Gelabert-Azzopardi wahrlich nicht.Nur entspringen sie eher einer sehr privaten Mythologie.Enigmatisch reihen sich die Szenen aneinander und geben weder ihr Geheimnis noch ihren Inhalt preis.Theatermagie entsteht dabei nur bedingt und meist in den solistischen Momenten.

So gleicht auch die endlose Sprung- und Pirouettenparade am Schluß, angeheizt von Comelades treibenden Rhythmen, einer eher grundlosen Eruption.Woher diese plötzliche Leidenschaft? "Zumzum Ka" hat ihr bis dahin keine Brücke gebaut.Das Stück, mit virtuosen Akteuren besetzt, erzählt sich genauer und deutlicher in seinen stillen Momenten.Da beginnt man zu ahnen, wo die Balance läge - zwischen Traum und Wirklichkeit.

Hebbel-Theater, nochmals heute

20 Uhr 30.

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