Kultur : Schwüler Frühling

Uwe Scholz choreographiert in Leipzig seinen ersten „Sacre du Printemps“

Franz Anton Cramer

Skandale sind heutzutage schwer zu haben, schon gar auf dem Theater. 90 Jahre nach der Uraufführung von Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du printemps“ (Das Frühlingsopfer), anti-klassisch choreographiert vom legendären Waslaw Nijinsky, ist aus Leipzig eine Saalschlacht wie weiland in Paris folglich nicht zu vermelden. Und doch haftet der neuen Bühnenfassung von Uwe Scholz – seine erste Beschäftigung mit diesem Werk – durchaus der Ruch des Skandalösen noch an.

Die Aufführungsgeschichte des „Sacre“, gegen dessen ethische Schamlosigkeit einst Adorno wetterte, hat immer wieder Grenzen des Anstands, des Stils, der Sittsamkeit überschritten. Mit seiner tabuisierten Motivik – Feier des Triebes, Verlust der Unschuld, sexuelle Opferung, Gewalt – ist dieses Ballett für Empörungen jeder Art auch prädestiniert. Uwe Scholz sieht sich in dieser Tradition. Im Programmheft sagt er: „Ich mache Strawinskys Erektionen.“ Wie bitte?

Tatsächlich erlaubt sich Scholz mit diesem Doppel-„Sacre“ einen radikalen Zugriff. Im ersten Teil lässt der Choreograf seinen famosen Danseur Etoile Giovanni di Palma den solistischen Opfergang antreten. Er durchlebt einen schizoiden Albtraum, der ihn filmisch durch eine halb-dokumentarische homosexuelle Leipziger Subkultur treibt und die ganze Gespaltenheit des Tanzmilieus zwischen erotisierender Aufreizung und keuscher Sublimierung thematisiert. Hin und her gerissen wie die Bühnenfigur zwischen den feen- oder hexenhaften Traumgebilden aus der Ballettwelt und allen möglichen Pin-up-Funktionen ist aber auch der Zuschauer. Denn der Hauptteil wird als Cinemascope-Film in die gewaltige gekachelte Kabinettbühne hineinprojiziert. Der reale Tänzer schrumpft zur bravourösen Animationsfigur.

Wenn man di Palma dann aber in Monumentalformat nackt dem „Schwanensee“ entsteigen sieht oder schlotternd unter der Dusche stehen, gerät das Ganze zwischenzeitlich zum Softporno.

Am Ende aber doch noch Drastik: Das Opfer ist an dieser (Ballett-) Welt irre geworden und steckt – Nijinsky lässt grüßen – in einer geschlossenen Anstalt. Verzweifelt schleudert und schmiert er den braunen Inhalt einer verstopften Kloschüssel über sich und die Bühne. Und einen kurzen Moment scheint es, auch das Publikum sei dran. Scholz bewirft Leipziger Bürger mit Dreck? Denn doch nicht.

Der zweite „Sacre“-Teil ist konventioneller. Statt der ruppigen Fassung für zwei Klaviere (Strawinsky selbst fertigte sie gleich nach der Orchesterfassung an) schleicht und windet sich das Gewandhausorchester unter der Leitung von Henrik Schaefer mit unnachgiebiger Insistenz durch die atemberaubenden Rhythmen, pochenden Holzbläserbässe und vor Trieb triefenden Klangballungen. Bei aller Wuchtigkeit aber bleibt Schaefer besonnen und triumphiert nie über das choreografische Bühnengschehen.

Das ist am stärksten im Anfangsbild, als das Ensemble pflanzenhaft am Boden liegt und mit Macht erwacht. Es scheint sich gleichsam aus der Erde emporzudrängen. Die Triebe sprießen hier in des Wortes doppelter Bedeutung. Es dauert, ehe sich die Geschlechter geschieden haben. Dann aber geht es zur Sache. Das Jungfrauen-Opfer wird aus der angstvoll zusammmgedrängten Frauengruppe isoliert, die Männer fallen über es her, man begreift Adornos Unmut.

Das „Sacre“ ist letztlich die Chronik einer angekündigten Vergewaltigung. Insofern muss jede Bildlösung an die Grenzen des Erträglichen vordringen. Kiyoko Kimura gestaltet diese wahrhaft grenzwertige Rolle mit großem Ernst, ja Würde und hängt im Schlussbild missbraucht und verlassen an einem Vertikalseil zwischen Himmel und Erde; auch diese Opferung eine Attacke.

Das Publikum nahm’s gelassen, applaudierte tapfer und ausdauernd dem ausgezeichneten Leipziger Ensemble, und auch die Buhrufe für den sichtlich zerrütteten Uwe Scholz waren zwar heftig, aber vereinzelt. Skandale sind heutzutage schwer zu haben.

Oper Leipzig, wieder am 27. 2., 1., 5. und 7.3.

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